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Spiele im Büro: YDYB

Eigentlich könnten Sie heute doch früh Feierabend machen und noch ins Kino.

Eigentlich.

Die Tür öffnet sich einen Spalt, jemand lugt hinein, stellt sicher, dass Sie da sind und gleitet in Ihr Büro: Kollegin Weiß. „Hallo“, haucht sie, und schon sitzt sie im Besucherstuhl. Der Smalltalk dauert nur Sekunden, ihre Augenbrauen signalisieren Stress. „Ich bin schon wieder mit dem Junior-Chef aneinander geraten. Irgendwas hat an einer Rechnung nicht gestimmt, ich kann’s ihm nie recht machen. Er findet die Linien nicht schön.“

Der Junior-Chef nun wieder

Sie kennen den Junior-Chef, ein bisschen akribisch vielleicht, will wohl allen beweisen, dass er aufgrund seiner Fähigkeiten und nicht wegen seines Stammbaumes zu seiner Position gekommen ist. „Na, dann frag‘ Ihn doch einfach, was er anders haben will?“, ist ihre aus der Hüfte geschossene Antwort. Sie haben schließlich keine Zeit zu verlieren. Der Film beginnt pünktlich.

Ein Stöhnen ist die Antwort, klingt wie „Hab ich doch alles schon versucht“. „Dem fällt immer was Neues ein.“

„Warum versuchst du nicht mal, es ganz akribisch-buchhalterisch anzugehen? Es gibt doch kaufmännische Muster für Rechnungen oder diese Kalkulationen, die du immer machst. Wenn du dich an das Muster hältst… Und die Linien weglässt…“

„Ja, aber dann sagt er immer, Frau Weiß, seien sie doch mal kreativer. Musterlösungen sind ihm zu langweilig. Er sagt, er will kreative Mitarbeiter, die nicht nur Dienst nach Vorschrift machen.“

„Gut, wir fragen bei unserer Agentur nach, was die so an Vorlagen haben. Da gibt’s ne ganze Menge, für Powerpoint, Rechnungen, ganze Corporate-Identity-Pakete. Wie wär’s?“

„Ach, das hab ich schon probiert. Gefällt ihm nicht, und ich kann damit auch nicht umgehen, da findet man keine Zahl mehr wieder.“

„Okay, pass auf, ich mach‘ hier noch das Projekt fertig und dann gucken wir mal zusammen, was wir da machen können, uns fällt bestimmt etwas ein.“

„Ja, das wäre gut, aber ich will dich nicht damit belasten, ich muss das schon alleine regeln.“

Jetzt sind Sie platt, ihr Hirn ist erstmal ausgelaugt. Was könnte man noch tun? Sie lehnen sich im Stuhl zurück. In die eintretende Stille sagt Frau Weiß:

„Du, ich habe gerade so viel auf dem Tisch, ich vergesse das jetzt einfach. Ist eh nicht viel dran zu ändern. Der trampelt einfach gerne ein bisschen auf mir rum. Also, tschühüss!“

„Tschühüss!“

Und zack, ist die Tür wieder zu und Frau Weiß ist draußen, während Sie genervt und ausgepowert zurückbleiben. Was war das denn?, werden sie denken. Ganz einfach: das war nicht Frau Weiß, die einen erwachsenen, fachlichen Ratschlag von Ihnen haben wollte. Das war Frau Weiß, die ein Spiel gespielt hat.

Das Spiel hat sogar einen Namen: YDYB. Das ist die Kurzfassung für die englische Wortkombination „Why don’t you; Yes, but“, was so viel heißt wie: „Warum versuchst du nicht mal; Ja, aber“. Der kanadisch-US-amerikanische Psychiater Eric Berne veröffentlichte 1964 sein Buch „Games People Play“ („Spiele der Erwachsenen“) in welchem er das Spiel YDYB beschrieb. Er fand darüber hinaus eine Menge anderer Spiele, YDYB war das erste.

Im Büro gehört YDYB zu den klassischen Zeitdieben, wie etwa der Abteilungsleiter, der mit der Kaffeetasse in der Hand durch die Büros geht und allen ausführlich erzählt, wie sein Wochenend-Trip nach Mailand war. Natürlich erzählt er es auch denen, die es gar nicht hören wollen. Aber das ist ein ganz anderes Spiel.

Ein Problem lösen, für das keine Lösung gewünscht wird?

Was tun mit Frau Weiß? Es gibt viele wie sie, und sie klauen ihren Arbeitskollegen, Vorgesetzten und auch den Azubis wertvolle Minuten und Nerven am Tag. Sie wollen keine Lösung, denn mal ehrlich, jeder Lösungsvorschlag, der Ihnen ad hoc einfällt, der kann auch einer Frau Weiß einfallen. Wer eine Lösung will, stellt eine Informationsfrage, wie etwa: „Ich habe hier ein Problem und schon A, B und C probiert. Hat nicht funktioniert. Jetzt denke ich, es liegt an D, und ich weiß, dass Du Dich da besser auskennst. Was meinst Du?“

Frau Weiß stellt keine Informationsfrage, sie braucht keine Lösung, sie hat Frust und will nur ein bisschen auf den Arm genommen werden. Reagieren Sie aber so, wie man mit einer Fünfjährigen reden würde, ernten Sie böse Blicke und können sich ihr Mittagsbrötchen demnächst selber holen – Frau Weiß jedenfalls wird Ihnen nichts mehr aus der Kantine mitbringen.

Zuhören statt Rauswerfen

Reagieren Sie anders. Bieten Sie keine Lösungen oder sachliche Informationen. Hören Sie zu. (Das heißt, Sie können Sie natürlich auch achtkantig aus dem Büro werfen, aber Wut führt zu Hass, und Hass führt zu Leid, und dafür hat Sie auch niemand eingestellt.)

Jetzt ist Frau Weiß aber runde 95 Kilo schwer, wie also auf den Arm nehmen? Scherz beiseite, Erwachsene nimmt man durch Aktives Zuhören auf den Arm. Das hat Carl Rogers rausgefunden, ein US-amerikanischer Pionier in der Psychotherapie. Und das geht so:

„Ich bin schon wieder mit dem Junior-Chef aneinander geraten. Irgendwas hat an einer Rechnung nicht gestimmt, ich kann’s ihm nie recht machen. Er findet die Linien nicht schön.“

„Die Linien? Worüber macht der sich denn Sorgen, wie ärgerlich.“

„Ja, genau, jedes Mal erzählt er mir sowas, ich weiß doch auch nicht, wie die Dinger aus dem Drucker kommen.“

„Hmm.“ (Pause)

„Er sagt, die sehen muffig aus. Wie aus den 70ern.“

„Nur wegen den Strichen?“

„Ich geb‘ da bloß meine Zahlen ein und die fertige Rechnung kommt raus.“

„Das ist doch dieses Rechnungssystem. Da kannst Du ja selbst gar nicht viel machen.“

Frau Weiß nickt heftig. „Neulich hab ich angeblich ein bisschen zu schräg geparkt. Da hat er mir gleich vorgeworfen, ich würde zwei Parkplätze beanspruchen.“

„Also, jetzt wird’s aber bunt. Du bist ja richtig in Rage.“

„Darauf kannst Du Gift nehmen. Ich steig‘ schon nicht mehr in den Aufzug, wenn der drin steht. Da gehe ich lieber die Treppe hoch.“

„Meine Güte, das ist auf Dauer auch keine Lösung.“

„Ja, eben. Ich habe schon überlegt, ob ich nicht extra eine Viertelstunde früher komme jeden Morgen.“

„Damit du ihm nicht im Foyer begegnest?“

„Richtig. Hach, jetzt geht’s mir wieder besser. Sehen wir uns gleich in der Kantine?“

Merken Sie was? Das Aktive Zuhören kürzt die Sache zwar nicht ab und schafft nur selten echte Problemlösung (z.B. den Computertechniker fragen, ob er die Rechnungs-Vorlagen nicht aktualisieren könnte); es verschafft aber Frau Weiß und Ihnen mehr Luft zum Atmen. Keiner fährt mit seinen fünf Vorschlägen vor die Wand und Frau Weiß muss hinterher auch kein schlechtes Gewissen haben, nur genörgelt und Sie dabei auch noch von der Arbeit abgehalten zu haben. Ihre Laune ist besser und Sie fühlen sich weniger ausgepowert.

Ein paar Faustregeln und Ideen zum Aktiven Zuhören nach Carl Rogers:

    • Zurückhalten mit eigener Meinung
    • Pausen aushalten
    • Gefühle des Gegenübers erkennen und ansprechen
    • Nachfragen bei Unklarheiten
    • Angekommene Botschaften in eigenen Worten wiedergeben, um zu prüfen, ob sie richtig verstanden sind
      Bestätigende kurze Äußerungen („Hmm“)
    • Die Situation des Sprechers nachvollziehen

Tl;dr: Zuhören, Bestätigen und Nachfragen helfen oft eher als Vorschläge zur Problemlösung.

 

 

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