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Logistik: Wie beamt sich eine ganze Branche in die Zukunft?

Blockchain, 3D-Drucker und Drohnen: Nur drei Stichworte, die zurzeit in der Branche zur Digitalisierung diskutiert werden. Doch welche Themen sind besonders wichtig für die Logistik? Und wie können Unternehmer die richtigen Konzepte für die eigene Firma finden? Veröffentlicht in: Niederrhein Wirtschaft 02/2018

Klöckner: Online-Marktplatz für Stahlhandel

Klöckners Strategie ist ein gutes Beispiel für Digitalisierung am Niederrhein. Der Stahl- und Metallhandel-Riese aus Duisburg gründete Ende 2014 in Berlin das Tochterunternehmen „kloeckner.i“. Die Hauptaufgabe der Tochter besteht darin, digitale Lösungen für den ganzen Konzern zu entwickeln und zu testen.

80 Mitarbeiter aus 17 Nationen arbeiten in Berlin. Gisbert Rühl, CEO bei Klöckner: „In den vergangenen Jahren wurde immer klarer, dass unser Geschäftsmodell in Teilen nicht mehr  funktioniert, nämlich insbesondere der Handel mit einfachen Stahlgütern. Dieser Bereich ist durch eine hohe  Wettbewerbsintensität und geringe Margen gekennzeichnet“, berichtete Rühl beim Kongress „Logistik digital“ der Niederrheinischen IHK Anfang Februar 2018 vor rund 300 Gästen aus der Branche.

“In den vergangenen Jahren wurde immer klarer, dass unser Geschäftsmodell in Teilen nicht mehr funktioniert.” Gisbert Rühl, CEO bei Klöckner

Daher setzt Klöckner & Co, als Vorreiter in der Industrie, voll auf die Digitalisierung. Gisbert Rühl sagt, sein Unternehmen baut „eine offene Plattform für dieStahl- und Metallindustrie, auf der auch direkte Wettbewerber Stahl verkaufen können.“ Mittlerweile ist eine erste Version dieser Plattform in Europa unter dem Namen XOM live gegangen.

Haniel setzt auf digitale Kompetenz in der Region

Einen ähnlichen Weg wie Klöckner ging der Mischkonzern Franz Haniel & Cie. GmbH aus Duisburg. 2016 eröffnete Haniel die Tochter „Schacht One“ – allerdings nicht in Berlin, sondern auf dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen, denn auch die Region an Rhein und Ruhr kann Digitalisierung. Bei der Digitalisierung seien „Kultur und Organisation oft die größere Herausforderung als die Technologie“, so Dirk Müller, Geschäftsführer von Schacht One. „Wir sind die digitale Werkbank für die Unternehmensgruppe Haniel“, so Müller.

“Kultur und Organisation sind oft die größeren Herausforderungen als die Technologie.” Dirk Müller, Geschäftsführer Schacht One

Mit Schacht One geht Haniel Schritte, die für viele Start-ups heute selbstverständlich sind – Schritte, die für eine Familien-Holding wie Haniel, gegründet 1756 und inzwischen mit knapp 14 000 Mitarbeitern weltweit, aber neu sind. Wie funktioniert eine Landingpage? Wie muss eine Internetseite aufgebaut sein, damit Nutzer sie finden und die angebotenen Leistungen oder Produkte beachten? Das sind nur einige der Fragen, auf die Haniel mit „Schacht One“ Antworten finden will. Müller: „Wir reporten in Learning.“

2020 soll erstes Containerschiff autonom fahren

Digitalisierung eröffnet den Mitbewerbern neue Möglichkeiten: Die „Yara Birkeland“ etwa. Sie soll ab 2020 das erste autonom und elektrisch fahrende Containerschiff sein, mit einer Kapazität von bis zu 150 Standardcontainer, berichtete das Wall Street Journal. Zwei norwegische Unternehmen arbeiten zurzeit an der „Yara Birkeland“: der Chemikalien-Hersteller Yara International und die Kongsberggruppe, das größte norwegische Rüstungsunternehmen. Autonome Schiffe sind nicht nur für die Hochseefahrt eine greifbare Chance sondern natürlich auch für die Binnenschifffahrt.

“Damit der Standort innovativ bleibt, müssen wir mit neuen Konzepten vorangehen.” Burkhard Landers, Präsident der Niederrheinischen IHK

So macht sich die Niederrheinische IHK für ein Testfeld für autonom fahrende Binnenschiffe zwischen Duisburg und Dortmund stark. IHK-Präsident Burkhard Landers: „Damit der Standort innovativ bleibt, müssen wir mit neuen Konzepten vorangehen. Deswegen fordern wir ein Testfeld im Ruhrgebiet. Pilotprojekte für die Binnenschifffahrt gehören hier zu uns.“

„Technik in den Dienst der Menschen stellen“

Unternehmer müssten nun abwägen, welche Elemente der Digitalisierung zu ihrem Geschäftsmodell passen, so Professor Michael ten Hompel, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik in Dortmund. Laut einer aktuellen Studie der Bundesvereinigung Logistik sehen drei von fünf Unternehmen den Endkunden als Top-Treiber der Digitalisierung. Die Geschäftsmodelle von Klöckner und Haniel sind darauf ausgelegt, kurzfristig Lösungen und Prototypen für Kunden zu entwickeln. Die Digitalisierung liefere zu allererst neue Werkzeuge. „Nun gilt es, all die Technik sinnvoll zu nutzen. Es muss unser Anspruch sein, die  Technik in den Dienst des Menschen zu stellen, aber auch die Logistik von morgen effizient und produktiv zu gestalten“, führt ten Hompel weiter aus.

Testfeld autonom fahrende Binnenschiffe

NRW und das Ruhrgebiet sind Wasserstraßenland: Jeder vierte Transport wird hier über die Flüsse und Kanäle abgewickelt. Damit der Standortfaktor Wasserstraße nicht verloren geht, bietet sich insbesondere diese Region an, um neue Konzepte wie das autonome Fahren zu testen. Binnenschiffe verfügen bereits über Sensoren und Instrumente, die für autonomes Fahren genutzt werden können: Radargeräte, elektronische Karten, Sensoren zur Wassertiefe oder Kameras zum Anlegen sind in der Regel vorhanden. Um ein Testfeld an Rhein und Ruhr für autonom fahrende Binnenschiffe zu realisieren, haben die IHKs im Ruhrgebiet jüngst eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse sollen im Frühsommer 2018 vorliegen.

“Bei der Digitalisierung kann man Betroffener oder Beteiligter sein”

Interview mit Michael Lütjann, Chief Information Officer, Imperial Logistics International

Was bedeutet für Sie Digitalisierung in der Logistik?

Wir sehen die Digitialisierung als Entwicklungsthema. Eine sehr große Chance, um Logistik-Unternehmen auf die nächste Ebene zu bringen. Neue Produkte, neue Prozesse, da ist das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. Wir haben diverse Formate entwickelt, um uns gemeinsam mit unseren Kunden zur Digitalisierung auseinander zu setzen – einer unserer Schwerpunkte ist Kommunikation: ein Facebook-ähnliches Kommunikations-Netzwerk für das ganze Unternehmen. Beim Thema Digitalisierung kann man wählen, ob man Betroffener oder Beteiligter sein möchte; wir versuchen, uns selbst neu zu erfinden.

Von welcher Technologie erwarten Sie in den nächsten fünf Jahren den größten Einfluss auf die Branche?

Je nach Branche wird von vielen sogenannten Disruptoren gesprochen. In der Logistik geht es seit Jahren um die Transparenz in der gesamten Supply Chain, also um die automatisierte Verfolgung einer Ladung. Wir befassen uns in Bezug auf diese Herausforderungen mit Blockchain. Wir wollen eine auf Blockchain basierende „Freightchain“ entwicklen und arbeiten dort mit verschiedenen Partnern und Kunden zusammen – Co-Creation par excellence. Auch wird Sensorik für Logistiker immer wichtiger, das Internet of Things, 3D-Drucker und die Augmented Reality, also beispielsweise eine Datenbrille, die man für Trainings oder beim Picking nutzen kann. Der 3D-Druck wird die Ersatzteil-Logistik verändern, weil in Zukunft die Spareparts dort direkt gedruckt werden, wo sie gebraucht werden und nicht mehr aufwendig in stationären Lagern vorgehalten werden müssen.

Kann die Region Digitalisierung? Oder müssen bald alle nach Berlin?

Wir als Imperial haben uns 2016 dafür entschieden, unser Supply Chain Lab in Berlin zu gründen. Dort entwickeln Logistik- und IT-Spezialisten in dem Coworking-Komplex von wework im Sony Center am Potsdamer Platz innerhalb von kurzer Zeit Lösungen, die auf Kundenbedürfnisse zugeschnitten sind. Dafür arbeiten sie zusammen mit Fachleuten, Insidern und Informatikstudenten. Berlin ist der viertgrößte Platz der Welt, was Gründungen von Start-ups angeht. Deshalb haben wir uns für Berlin entschieden.

Startport: Logistik-Start-ups im Duisburger Hafen

Mit der Tochtergesellschaft „startport GmbH“ verfolgt der Duisburger Hafen seit Oktober 2017 das Ziel, Logistik-Start-ups einen reibungslosen Start zu ermöglichen. Startport bietet Firmengründern für ein Jahr kostenlosen Platz in einem alten Bauwerk im Duisburger Innenhafen und will auch den fachlichen Austausch zwischen Gründern, Fachleuten und etablierten Geschäftsleuten erleichtern. Zu den Partnern von Duisport zählen Evonik, Klöckner, der Initiativkreis Ruhr und weitere Unternehmen.

Was würden Sie jemandem raten, der die Digitalisierung in seinem Unternehmen voranbringen will?

Erst mal den Schlips abnehmen. Ernsthaft. Die Digitalisierung ist auch ein Disruptor für die Krawattenindustrie. Umdenken, Neues wagen, mutig sein: Das sind meine Tipps für diejenigen, die verstanden haben, dass sich etwas ändern muss; aber noch nicht wissen, wie! Ich empfehle Besuche der digitalen Hotspots – Berlin, Hamburg, aber auch Tel Aviv, London oder das Silicon Valley – und sich Hilfe holen.

Wie wichtig ist das Thema Fehlerkultur?

Digitalisierung bedeutet auch: aus Fehlern lernen, das Beste aus einem Fehlschlag machen, und das schnell! Wir sanktionieren nicht bei Fehlern. Das kann anstrengend sein, aber auch unheimlich erfrischend, effizienter und schneller. Letztendlich geht es doch um Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit.

 

Lootchest - mira bozhko - unsplash

Warum kaufen so viele Leute bei Nils Bartels buchstäblich die Katze im Sack?

Die Kunden des Gocher Unternehmers Nils Bartels kaufen die sprichwörtliche Katze im Sack: sogenannte Lootchests, Kartons mit bedruckten Tassen, Kissen, T-Shirts, Spielzeugen oder Sammelartikeln aus der Popkultur. Was genau drin ist, wissen die Kunden erst, wenn sie die Kartons auspacken. Veröffentlicht in der Ausgabe 02/2018 des Magazins Niederrhein Wirtschaft

Sie führen Ihr Unternehmen gemeinsam mit Sven Klockmann und Ihrem Bruder Jörn seit 2014. Wie funktioniert Ihr Geschäftsmodell?

Wir suchen Tag für Tag die besten Fan-Produkte rund um aktuelle Games, Filme und TV-Serien und verpacken sie in Überraschungsboxen. Diese verkaufen wir einzeln oder im Abo. Darin können Sammelfiguren sein, aber auch Kopfhörer, oder Ansteck-Buttons eine Pacman-Tasse oder ein „Star-Wars“-T-Shirt. Auch mal Kaugummi.

„Star-Wars“-Kaugummi?

Nein, wir hatten in der Lootchest im September 2017 sogenanntes „Beast Butt Cotton Bubble Gum“ in zwei verschiedenen Geschmacksrichtungen. Lootchest heißt bei uns die Überraschungsbox, in der wir die Waren ausliefern. Loot heißt so viel wie Beute, und Chest steht für Schatztruhe. Die Boxen gibt’s ab 19,95 Euro pro Monat, und der Marktwert beträgt mindestens 40 Euro.

“Angefangen hat alles mit einem Commodore C64 und einem Atari.” – Nils Bartels

Wie können Sie Waren im Wert von 40 Euro für rund 20 Euro anbieten und dabei Gewinn erwirtschaften?

Das geht nur durch die Menge und durch die Anzahl der Kunden. Wir haben auch viele Sonderproduktionen im Programm, die es nur bei uns gibt, etwa eine „Dr. Who“- Müslischale. Natürlich sind die Sachen, die wir machen, Luxus. Aber wir liefern auch immer nützliche Produkte, etwa ein T-Shirt, eine Decke oder einen Pfannenwender.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Ich bin seit meiner Kindheit in diesen Themen unterwegs, angefangen hat alles mit einem Commodore C64 und einem Atari. Mein Bruder Jörn ist drei Jahre älter als ich, der hat die ganzen Sachen gehabt und ich durfte alles mitnutzen.

Praktisch!

Ja, wir sind fleißige Kinogänger und Videospieler – und dann habe ich diese Geschäftsidee aus Amerika mitgenommen. Mein Bruder und ich hatten aus einem Handel mit Edelstahlteilen bereits Erfahrung mit Onlineshops.

Zur Person

Nils Bartels ist 33 Jahre alt und wurde in Kleve geboren. Der gelernte Kaufmann im E-Commerce hat schon früh Erfahrungen im Onlinehandel gesammelt – mit dem Shop www.edelstahlonline24.de, in dem es unter anderem Treppengeländer aus Edelstahl zu kaufen gibt.

Sie sind nicht nur Nerd und Gamer, sondern auch Geschäftsführer – da trifft die bunte Welt der Popkultur auf die trockenen Zahlen des Betriebswirts. Wie passt das zusammen?

Wenn man mit Produkten arbeitet, die einem ans Herz gehen, ist es leicht. Auch der Erfolg und das Feedback der Kunden sind ein großer Motivator. Wir haben schon ab dem zweiten Monat unserer Geschäftstätigkeit Geld verdient und haben keine Verbindlichkeiten bei Banken.

Ihre Boxen und Produkte kann man auch in Ihrer Filiale kaufen, die Sie Anfang Oktober 2016 in Kleve eröffnet haben. Warum Kleve?

Kleve ist Kreisstadt und eine beliebte Einkaufsstadt der Region, auch für die Menschen jenseits der Grenze. Ich bin auch in Kleve geboren.

Wird es nicht schwer für den stationären Handel?

Spezialisierte Einzelhändler wird es immer geben. Unsere Kunden sehen in unseren Läden extrem viel Potenzial, sich inspirieren zu lassen, so was gibt es online nicht.

Stichwort Marketing: Was sind die wichtigsten Kanäle?

Am effektivsten für uns ist Influencer-Marketing: Leute in sozialen Medien wie Youtube oder Instagram packen unsere Lootchests aus.

Was ist Ihr persönliches Lieblingsprodukt?

Ich bin ein Fan von nützlichen Sachen, neulich ist mir ein Tetris-Multitool untergekommen, das war sehr schön. Wie ein Schweizer Taschenmesser, aber in Form eines Tetris-Würfels.

Lootchest

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Wie kann sich ein altehrwürdiges Möbelhaus selbst neu erfinden?

Erschienen in der “Niederrhein Wirtschaft” der Niederrheinischen IHK im November 2016

„Mein Vater hat mir alles beigebracht“, sagt Gerd Kleinmanns, Inhaber und Geschäftsführer der Möbel Kleinmanns GmbH in Kleve-Kellen in dritter Generation. Großvater Gerhard Kleinmanns gründete das Unternehmen 1926, heute hat es 18 Mitarbeiter, verkauft Möbel und Küchen. „Ich bin 1986 nach einer Schreinerlehre eingestiegen. Doch 2009 kam die Wirtschaftskrise.“

Das Jahr gilt als einer der Höhepunkt der sogenannten Weltwirtschaftskrise ab 2007, die durch das Platzen einer Immobilien-Blase ausgelöst wurde und die mit einer Finanz- und Bankenkrise einherging. Viele Banken und Unternehmen weltweit kämpfen mit einbrechenden Krediten und Aufträgen, auch in Deutschland.

Wirtschaftskrise trifft Mittelständler

„Das große Kunden-Potenzial  in Holland“, erinnert sich Gerd Kleinmanns, „war einfach weg.“ Sein Rezept hieß damals noch: Ärmel hochkrempeln und durch, es kommen schon wieder bessere Zeiten. Doch das einzige, was kam, war noch mehr Arbeit –ohne mehr Gewinn, um neue Mitarbeiter einzustellen.

„Wir traten auf wie jedes andere Möbelhaus, wir waren nicht individuell“, sagt Geschäftsführer Gerd Kleinmanns. „Aber ich hatte immer schon die Idee, uns komplett neu zu erfinden.“ Der Schlüssel zur Wiedergeburt sei die Verwurzelung in der Region gewesen. Kleinmanns: „Dann hatte ich das Glück, Dorothea Heeks kennen zu lernen.“

„Du kaufst kein Möbelstück“

Dorothea Heeks verfügt über langjährige professionelle Marketingerfahrung. Sie erkannte schnell das Potenzial, das in Möbel Kleinmanns schlummerte: „Wir haben mit lokalem Marketing das Unternehmen neu erfunden.“ Einer der aktuellen Slogans: „Du kaufst kein Möbelstück, du kaufst ein Stück Niederrhein.“

Zu der Idee des lokalen Phönix aus der Asche kommen handfeste Verbesserungen, wie optimierte Abläufe, die für mehr Umsatz sorgen – und nicht für mehr Arbeit. Einer der wichtigsten Punkte war die Renovierung des Stammhauses in Kleve-Kellen. Kleinmanns: „Wir hatten ein Ladenlokal mit ein paar Schaufenstern, und dahinter die Schreinerei. Der hintere Bereich ist zwar regelmäßig erweitert worden, doch dass der Bereich heute rund 2500 Quadratmeter groß ist, sah man früher der Ladenfront nicht an.“

Als Unternehmer die eigenen Leute wachsen lassen

Kleinmanns Lösung: Alle Gebäude von außen in derselben Farbe streichen. Gleichzeitig galt es, das Team bei den Kursänderungen mitzunehmen. Nicht mehr „nur ein weiteres Möbelhaus“, sondern „ein Stück Niederrhein“. Team-Trainings im Hochseilgarten sorgten für frischen Wind. „Wir haben mehr mit den Menschen gesprochen“, so Kleinmanns, „und mehr Mitspracherecht eingeräumt.“

Und: „Früher dachte ich, ich könne selbst alles am besten. Doch als Unternehmer braucht man heute die Weitsicht, von seinen Leuten mehr abzuverlangen, ihnen mehr Verantwortung zu geben und sie daran wachsen zu lassen.“ Gleichzeitig gelte es, „klare Kante“ zu zeigen.

„Wir haben auch unsere Kunden gefragt, wie wir heißen sollen“, sagt Kleinmanns, „und unsere Kunden bei der Auswahl des Slogans mit entscheiden lassen.“ Der Slogan: „Kochen und Wohnen, wie es mir gefällt.“  Eine Werbekampagne mit 21 Videos auf Youtube inszeniert den lokalen Player. Ein Spot zeigt etwa eine komplett aufgebaute Küche – auf einem Acker. Auf Youtube kommen auch die Mitarbeiter zu Wort: „Hallo, ich bin Sabine Pauls und ich arbeite seit 15 Jahren bei Möbel Kleinmanns in der Planung. Ich arbeite hier, weil ich hier Beruf und Familie gut miteinander vereinbaren kann.“

Ende gut, alles gut? Sogar an eine mögliche Nachfolge hat Gerd Kleinmanns schon gedacht – allerdings wird es noch etwas dauern, bis Kleinmanns Tochter das Ruder übernimmt: „Sie ist ja erst neun.“

 

 

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Wie erforscht man den Eigendrehimpuls von Elektronen?

Erschienen in der Zeitschrift “mundo” der TU Dortmund, Ausgabe 23/2015

Die politischen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland sind momentan schwierig. In dieser Phase ist der erste deutsch-russische Sonderforschungsbereich/Transregio (SFB/TRR) „Coherent manipulation of interacting spin excitations in tailored semiconductors“ gestartet. Das Forschungsprojekt, das unter anderem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit rund acht Millionen Euro gefördert wird, beschäftigt sich mit dem Eigendrehimpuls von Elektronen in Halbleiter-Hybridstrukturen. Die Forschungsergebnisse der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler könnten beispielsweise dazu beitragen, Informationstechnologien effizienter zu machen. Manfred Bayer, Professor für Experimentelle Physik – Festkörperspektroskopie, ist Sprecher des deutsch-russischen SFB/TRR 160, an dem neben der
TU Dortmund das Ioffe-Institut in Sankt Petersburg sowie die Staatliche Universität Sankt Petersburg beteiligt sind.

Proben, die im Rahmen des Projekts untersucht werden, liefern die Ruhr-Universität Bochum und die Universität Paderborn. Kritische Nachfragen zu dem internationalen Forschungsvorhaben ist der Dortmunder Physiker mittlerweile gewohnt. „Die offiziellen Beziehungenzwischen den beiden Ländern sind nun einmal angespannt. Daher wird man schon öfter darauf angesprochen, warum man ausgerechnet jetzt etwas mit
Russland zusammen macht.” Und: „Egal, wie Deutschland auf politischer oder wirtschaftlicher Ebene agiert”, so Bayer, „ich glaube, wir würden einen schwerwiegenden Konflikt haben, wenn man die Kontakte zu Russland in Kunst, Kultur und Wissenschaft kappen würde. In diese Richtung gehen auch die Signale, die ich vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie der DFG bekomme: In diesen Bereichen müssen die Beziehungen intensiv fortgeführt werden.”

Die Förderung des SFB/TRR ist im Januar 2015 gestartet, die offi zielle Eröffnung fand im September in Sankt Petersburg statt. Der entsprechende Antrag für das Forschungsvorhaben wurde sechs Jahre lang vorbereitet – mit zwei Begutachtungen im Jahr 2013 in St. Petersburg und 2014 in Dortmund. Gefördert wird das Projekt zunächst für vier Jahre, rund 120 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind beteiligt,
knapp 70 davon auf russischer Seite.

Spins sind für heutige Informationstechnologien essenziell

Ihr Ziel ist, durch die gezielte Kontrolle des Eigendrehimpulses von Elektronen, der als Spin bezeichnet wird, einen entscheidenden Fortschritt in der Entwicklung von neuartigen Bauelementen für die Informationstechnologie zu machen. In der Informationstechnologie werden häufig Halbleitermaterialien verwendet. Die Ladungsträger in diesen Materialien drehen sich wie Kreisel um sich selbst und besitzen deshalb einen Spin. Diesen wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beeinflussen, um die Bauelemente effizienter zu machen.

Sicherlich kennen einige die Darstellung des Spins aus ihrer Schulzeit, nach der ein Elektron als Kugel begriffen werden kann, die sich um sich selbst dreht. Die Achse, um die sich das Elektron dreht, wird mit einem Pfeil symbolisiert. „Nach all dem, was wir wissen, ist das falsch. Ein Elektron hat Masse und einen Spin, aber keine Ausdehnung. Insofern kann es auch keine Kugel endlicher Größe sein. Das Elektron ist ein punktförmiges Teilchen mit Ausdehnung null”, erläutert Bayer.

Zur Person

Prof. Manfred Bayer, geboren 1965, ist seit 2002 Professor für Experimentelle Physik – Festkörperspektroskopie an der TU Dortmund. Er war von 2007 bis 2012 assoziierter Editor der wichtigsten physikalischen Fachzeitschrift, der Physical Review Letters, herausgegeben von der American Physical Society. Er ist Sprecher des SFB/TRR 160 „Coherent manipulation of interacting spin excitations in tailored semiconductors“ und Standortsprecher des 2014 eingerichteten Transregio-Sonderforschungsbereichs TRR 142 „Tailored nonlinear photonics: from fundamental concepts to functional structures“, für den die Universität Paderborn Sprecherhochschule ist. Für seine Arbeiten hat er eine Reihe von Auszeichnungen erhalten wie etwa 2001 den Walter-Schottky-Preis der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Seit 2009 ist er Ehrenmitglied des Ioffe-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften und seit 2012 Fellow der American Physical Society. 2013 gehörte er zu den Gewinnern eines russischen Mega-Grants.

Spins sind essenziell in der heutigen Informationstechnologie, denn sie können nach „oben“ oder nach „unten“ orientiert sein. Viele Spins mit entsprechender Orientierung bilden zusammen eine Magnetisierung, wie bei einem Ferromagneten, also einem handelsüblichen Magneten. Die Spins sind ideal geeignet, um die beiden digitalen Zustände „0“ und „1“ physikalisch zu realisieren. Darauf basieren heutige  Speichermedien wie Festplatten.

Der SFB/TRR beschäftigt sich mit grundlegenden physikalischen Fragestellungen zu Spinsystemen. Im Zentrum steht dabei ihre kohärente Manipulation, was einfach gesprochen bedeutet, die Spins mit einem  minimalen Energieaufwand zu steuern. Dazu werden einerseits neuartige Materialien entwickelt, andererseits werden neue Methoden ausgearbeitet, mit denen sich die gewünschte Manipulation erreichen lässt.
Im Fokus des SFB/TRR stehen insbesondere die quantenmechanischen Eigenschaften des Spins, nach denen ein Spin nicht mehr nur nach oben oder nach unten weisen, sondern auch beliebige Orientierungen haben kann. So ist es möglich, dass ein Spin gleichzeitig nach oben und unten weist. Diesen Zustand verdeutlicht „Schrödingers Katze“, die auf drastische Weise das Besondere solcher Überlagerungszustände deutlich macht.

“Schrödingers Katze” verdeutlicht Überlagerungszustände von Spins

Im Gedankenexperiment des österreichischen Physikers Erwin Schrödinger, eines Begründers der Quantenmechanik, wird eine lebende Katze in eine Kiste gesperrt, die hermetisch von der Außenwelt abgetrennt ist. In der Kiste befinden sich ein radioaktives Präparat, ein Geigerzähler, ein Hammer und eine kleine Flasche mit Gift, das die Katze töten würde. Allerdings weiß der Betrachter außerhalb der Kiste nicht, ob der Mechanismus bereits ausgelöst hat oder nicht. Auslöser wäre die radioaktive Substanz, die zerfallen kann oder auch nicht. Sobald sie zerfällt, würde der Geigerzähler aktiviert werden. Dieser würde wiederum mit dem Hammer die Flasche mit dem Gift zerschlagen. Der Betrachter hat keinen Einfluss auf die Vorgänge in der Kiste. Die Katze ist also in einem Überlagerungszustand, „dead and alive“ statt klassisch „dead or alive“.

In einem solchen Zustand kann sich auch ein Spin mit seiner gleichzeitigen Orientierung nach unten und oben befinden. Ziel des SFB/TRR ist es, Spins in einem solchen Überlagerungszustand möglichst lange zu halten und die damit verbundenen Informationen zu speichern. Dazu sollen insbesondere auch Wechselwirkungen zwischen den Spins genutzt werden. Über die grundlegenden Untersuchungen hinaus könnten damit auch neuartige Bauelemente für eine Spin-basierte Elektronik erforscht werden.

Perspektivisch könnte das Forschungsprojekt auch Beiträge zu einer echt quantenmechanischen Informationsverarbeitung liefern – ein Beispiel hierfür ist der Quantencomputer, der seit einigen Jahren immer wieder in populärwissenschaftlichen Medien wegen seiner unglaublichen Rechenkapazität diskutiert wird, da er die Rechenoperationen nicht nacheinander ausführt, sondern parallel zueinander. „Hier muss man allerdings ganz klar auf die Euphoriebremse treten“, sagt Bayer. „Nach anfänglichem Optimismus ist den Leuten mittlerweile klar geworden, wie schwierig es ist, einen solchen Computer zu bauen.“

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland und Russland betrachten vor allem Spins in sogenannten Halbleitern, auf denen die konventionelle Elektronik beruht. Außerdem erforschen sie Hybridmaterialien, bei denen der Halbleiter mit einem anderen Metall wie Gold oder einem traditionellen Ferromagneten wie Kobalt kombiniert wird. Durch die räumliche Nähe zum Ferromagneten wird auch der Halbleiter ferromagnetisch. Bayer: „Ich habe einen Halbleiter und bringe da zehn Nanometer, also zehn Milliardstel Meter, ferromagnetisches Material auf.” Am Ende kommt ein Material heraus, das die Eigenschaften eines Halbleiters, wie beispielsweise leichter Transport elektrischer Ladung, mit den Eigenschaften eines Ferromagneten kombiniert, der es erlaubt, die magnetischen Eigenschaften des Halbleiters
zu steuern. „Das ist sozusagen eine neue Materialklasse”, so Bayer.

Die Erfahrung der russischen Kolleginnen und Kollegen kommt der deutschen Seite dabei sehr zugute. An beiden beteiligten russischen Institutionen arbeiten Pioniere der Spinphysik. „Darunter sind Leute, deren Veröffentlichungen man als Student ehrfurchtsvoll gelesen hat. Mit ihnen jetzt zusammenarbeiten zu dürfen, begreife ich als absolutes Privileg. Und auch unsere Studierenden und Promovierenden profitieren  extrem von deren Wissen.“ Umgekehrt ist Bayer sicher, dass auch die russische Seite Nutzen aus der standortübergreifenden Kooperation zieht.

„Die russische Wissenschaft hat nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion einen extremen Aderlass, vor allem an jungen Leuten, zu verzeichnen gehabt, wenngleich viele ältere Kollegen vielfach geblieben sind und unter schwierigen Bedingungen weitergearbeitet haben. In den vergangenen Jahren hat sich aber glücklicherweise eine neue Generation an jungen, extrem motivierten und talentierten Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftlern herausgebildet.”

Intensivere Kooperation durch russische Wissenschaftler in Dortmund

Die enge Verknüpfung zu St. Petersburg wird in Dortmund auch durch Prof. Dmitri Yakovlev und Privatdozent Dr. Ilya Akimov, die beide vom Ioffe-Institut stammen, sichergestellt. Nachdem Bayer und Yakovlev 2002 in Dortmund gestartet sind, kam Akimov 2007 zum Team. So wurde die internationale Zusammenarbeit weiter intensiviert. Die Kooperation mit der Staatlichen Universität Sankt Petersburg, die zu den Partneruniversitäten der TU Dortmund zählt, folgte. „Über zehn Jahre gab es immer wieder gegenseitige Kurzbesuche”, erinnert sich Bayer, „und irgendwann waren wir an dem Punkt, dass wir dem Ganzen mal einen solideren und planbareren Rahmen geben wollten. Das wurde durch gemeinsame Veröffentlichungen unterfüttert. Dabei muss man immer auch ein bisschen Glück haben, aber uns gelangen Publikationen
in Journalen wie Nature und Science.” Die erste Idee zum SFB/TRR kam im Jahr 2008 auf. Bis zum finalen Konzept und zur Erfüllung aller formalen Rahmenbedingungen vergingen rund sechs Jahre, 2013 stellte Bayer gemeinsam mit seinem Team den Vorantrag. Dabei hat nicht alles von Anfang an rosig ausgesehen. „In der Tat, bevor wir zur Vorbegutachtung in Sankt Petersburg waren, waren einige Gutachter kritisch, ob
in Russland die nötige Ausstattung vorhanden sei, um kompetitive Forschung betreiben zu können. Wir konnten sie vom Gegenteil überzeugen.”

Grund dafür ist das sogenannte Mega-Grant-Programm, das die russische Regierung gestartet hat. Es handelt sich um ein Förderprogramm für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Russland und dem Ausland. Die Fördergelder müssen in Russland investiert werden – in die Einrichtung von Laboren oder für Forschungsaufenthalte. Prof. Manfred Bayer gehört zu den Gewinnern eines Mega-Grants (2014), in Kooperation mit dem Ioffe-Institut in Sankt Petersburg. Bayers Mega-Grant hat ein Volumen von rund 100 Millionen Rubel (zurzeit ca. 1,3 Millionen Euro). „Wir haben damit sehr viel Equipment gekauft und die Labore mal renovieren lassen, so dass sie nun höchsten Ansprüchen genügen.” In die Finanzierung des Projekts fließen zusätzlich zwei Mega- Grants anderer Forscher ein.

Eines der ersten Ergebnisse des SFB/TRR: Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten zeigen, dass in einer Hybridstruktur der Abstand zwischen Ferromagnet und Halbleiter nicht wie bisher gedacht bei unter einem Nanometer liegen muss, um die magnetischen Eigenschaften des Halbleiters manipulieren zu können. „Wir können vielmehr über einen neuen Mechanismus den Abstand mindestens 40-mal so groß wählen, und trotzdem sind die beiden Systeme noch stark aneinander gekoppelt.” Dieses Resultat ist im Oktober 2015 in Nature Physics veröffentlicht worden.

Bemerkenswerte Gastfreundschaft

Über allem schwebt für Bayer die internationale Kooperation mit einem tiefen, über Jahre gewachsenen Vertrauen unter den Beteiligten. Vor allem die russische Gastfreundschaft findet Bayer bemerkenswert. Er erinnert sich an seinen ersten Besuch Anfang der 1990er-Jahre in Russland. Durch Kontakte zu einem russischen Institut kam er in die Stadt Tschernogolowka in der Nähe von Moskau. „Es war der Höhepunkt der
Phase, in der es den Leuten in Russland wirtschaftlich richtig schlecht ging. Ich kann mich noch an die Schlangen vor den Supermärkten erinnern, und als man endlich vorne war, gab es außer ein paar Scheiben Brot nichts mehr. Nichtsdestotrotz haben die während der vier Wochen, die ich da war, eine Party für mich geschmissen. Dabei haben sie alles gegeben, vermutlich mehr, als sie sich eigentlich hätten leisten können oder sollen. Typisch russische Gastfreundschaft: Nach einer kurzen Aufwärmphase schlägt einem totale Offenheit und Herzlichkeit entgegen.“

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Was hält die Schwarze Szene in NRW zusammen?

Erschienen im Stadtmagazin Coolibri im Dezember 2013

Schwarz hat viele Farben. So viele, dass es schwierig ist, auf Anhieb die Musikrichtungen und Stile der Schwarzen Szene mit Anspruch auf Vollständigkeit zusammenzubringen. Und doch gibt es einen Roten Faden; einen gemeinsamen Funken, der alle Gothics, EBM-Freaks, Mittelalter-Fans, Cybergoths und die vielen, vielen Spezialisten unter ihnen eint.

„So irgendwann um vier Uhr in der Früh war dann für drei Stunden mal Ruhe“, erinnert sich Kathrin Wagner (Name geändert) an eines der schwarzen Festivals, auf dem sie gezeltet hat. Bis zu dieser Stunde konnte sie in ihrem Zelt von links den harten Electro-Stampfbeats lauschen, während von rechts Dudelsack und Schalmei vom Mittelalter-Markt herüberdrängten. Von vier bis sieben blieb es vergleichsweise ruhig, bis dann pünktlich um kurz nach sieben die Herrschaften vom Zelt gegenüber ihren mitgebrachten Ghettoblaster aufdrehten – mit Peter Maffay. Die Szene hat einen breiten Musikgeschmack.

“Hier gibt es in zwei Monaten 300 Gelegenheiten, um raus zu gehen” – Andreas Behnke, Nachtplan

Batcave, Industrial, Goth Rock, EBM, Electro, Ambient, Futurepop, New Wave, Alternative, Punk, Alternative Rock, Metal, Nu Metal, Postpunk und eine große Schippe von allem, was einst durch die 80er-Jahre schepperte: Wer versucht, bei allen Musikgenres in der Schwarzen Szene im Ruhrpott und darüber hinaus den Komplettüberblick zu behalten, der hat viel zu tun. Andreas Behnke, Chef des Szene-Partyplaners „Nachtplan“, kann das sprichwörtliche Lied davon singen. „Hier gibt es in zwei Monaten 300 Gelegenheiten, um raus zu gehen“, beschreibt Behnke, dessen „Nachtplan“ eine Art Party-Nachschlagewerk im A6-Format ist, anachronistisch in schwarz-weiß, und alle zwei Monate neu rauskommt.

„So viele Termine haben andere Gegenden nicht in zwei Jahren. Hier ist das Epizentrum. In Berlin zum Beispiel ist viel weniger los.“ Im Pott zählen schwarze Outfits. Lederhosen, Halsbänder, Klamotten mit Militär- und Fetisch-Akzenten. Stiefel, Nieten, T-Shirts mit Horrorfilm-Motiven. Fellstulpen, Teile von Uniformen, Krawatten, auch Anzüge. Jede Menge Make-up. Corsagen, nicht immer nur für die Damen. Und das ist eines der stärksten Merkmale der Schwarzen Szene: „Der Typ mit Schnauzbart und Lackschwestern-Kostüm wird vielleicht angeschaut“, sagt Andreas Behnke, „aber nicht angemacht.“ Die Szene ist friedlich. Tolerant. „Kein ,Ey, du hast meine Freundin angeguckt’“.

Vielen bedeutet die Schwarze Szene nämlich mehr als Musik und Klamotten. „Ich hatte von Anfang an ein Faible für alles, was ein bisschen ungewöhnlich war“, sagt zum Beispiel DJ Mike Kanetzky, der seit 15 Jahren in der Matrix in Bochum auflegt und federführend die Empire of Darkness (EoD)-Party gestaltet, die auch übers Ruhrgebiet bekannt ist für Electro-Beats, EBM, Future Pop, Rock, Wave und 80er. „Witzigerweise habe ich dann auf einer Kirmes Leute kennen gelernt, die so rumliefen“, sagt Kanetzky, „und daraus wurde dann Idealismus.“

Geplatzter Lautsprecher

Die EoD-Party wäre ein guter Einstieg für Leute, die mal reinschnuppern wollen. Das Gegenteil davon dürften Festivals wie das „Forms of Hands“ sein. Dort kommen viele Größen aus der Industrial-Szene zusammen, alle vom Dortmunder Plattenlabel „HANDS“: Formationen wie Winterkälte, Orphx, Mono No Aware oder Proyecto Mirage. Industrial klingt, vereinfacht gesagt, beim Erstkontakt als platze kontinuierlich ein Lautsprecher. Dazu kommt ein mehr oder weniger regelmäßiger Beat aus Geräuschen. Im Gegensatz zum sehr extremen Sound ist der angesagte Look von schlichtem Schwarzem und traditionellen Doc Martens geprägt. Schauplatz des „Forms“ sind stets Industriehallen, wie etwa in der Schachtanlage Königsborn in Bönen. „Im Zwischenfall bin ich sozialisiert worden“, sagt Karsten Plewnia, Chef des Veranstalters Labor Neun, der für das „Hands“-Label das Festival organisiert. Er erinnert sich noch genau an seine Anfänge in der Schwarzen Szene: „Damals war Party wichtig, aber wir haben uns auch über gesellschaftliche Probleme Gedanken gemacht.“ Plewnia ist Idealist – und froh, wenn er am Ende vom „Forms“ nicht draufzahlt.

Geld verdienen – mit Musik in Moll

Auf der anderen Seite lässt sich mit Musik in Moll auch Geld verdienen. Der Erfolg von Bands wie Eisbrecher, Rammstein oder Unheilig bis in den Mainstream-Bereich hinein beweist es. Gothic-Festivals wie das Amphi am Tanzbrunnen in Köln oder das Blackfield im Amphitheater Gelsenkirchen bekommen seit Jahren mehr und mehr Zulauf, und so manche Band entscheidet sich zugunsten der Verkaufszahlen gegen einen allzu rauen oder kryptischen Sound. Auf den Plakaten zu Festivals und Partys finden sich die immer gleichen Namen. Namhafte Modeketten reagieren schon seit Jahren auf die Schwarze Szene und liefern Vorgefertigtes, Fachhändler haben das Nachsehen.

„Wir haben uns früher Gedanken gemacht um Tod und Leben“, beschreibt Guido Kuczwalska, Mit-Inhaber des Kleidergeschäftes „Dark Ages“ in Essen, „jetzt geht es bei vielen vor allem um die Kleidung. Ich will nicht sagen, dass die Leute sich heute keine Gedanken mehr machen. Aber das ist nicht mehr so verbreitet. Früher war’s düsterer.“ Eine Entwicklung, die auch Andreas Behnke bestätigt: „Vor 25 Jahren war man noch ein Freak, wenn man tätowiert war. Freak sein ist heute Mainstream geworden. Ein Großteil der Musik ist weichgespült und tut nicht mehr weh. In welcher Disco hört man heute noch Einstürzende Neubauten?“

Schwarze Szene: Originalgesichter aus den 80er-Jahren

Und trotzdem haben langbärtige Metal-Fans, neonbunte Cybergoths mit Schweißerbrillen, Alt-Gruftis mit Originalgesichtern aus den 80er-Jahren, kantig frisierte EBM-Heads, Future-Popper mit stramm gespanntem Lack-Shirt und Gothic-Lolitas in zerrissenen Strapsen oft etwas gemeinsam. Myk Jung ist lang genug dabei, um davon eine Ahnung zu haben. Seit 1984 zählt sich der ehemalige Sänger von „The Fair Sex“ zur Schwarzen Szene, vielen ist er außerdem bekannt als Autor für die Szene-Zeitschrift „Sonic Seducer“.

„Ich glaube, dass es einen kleinsten gemeinsamen Nenner gibt.“ Da ist er, der Rote Faden, der Funke, der durch alle Splitter der Schwarzen Szene durchgeht: „Es ist ein Unzufriedenheitsstachel, ein Hauch von Revolte, ein Anti-Gefühl. Irgendetwas, was dem Menschen klar macht: Das Ideal aus der Bacardi-Werbung ist nicht das, was man selbst in der Welt sieht. Es muss ja schließlich einen Grund geben, warum viele ihre Party Time nicht mit Mariah Carey verbringen wollen.“

Nachtplan

Forms of Hands

Matrix Bochum

Tic Club

Eisenlager Oberhausen

Kulttempel Oberhausen

Amphi-Festival

Blackfield-Festival

Maschinenfest

Konzertkarte - sergio ruiz - unsplash

Wie viel vom Preis einer Konzertkarte landet bei der Band?

Es gibt ja Geheimnisse, von denen weiß man gar nicht, dass es sie überhaupt existieren. Dass die Nachrichtendienste dieser Welt einiges zu verbergen haben, ist klar. Aber Konzertveranstalter? Ticketverkäufer? Wer so alles an einer Konzertkarte verdient, ist Verschlusssache. Coolibri-Mitarbeiter Tim Müßle hat sich trotzdem erlaubt, Fragen zu stellen. Veröffentlicht im Oktober 2012 im Stadtmagazin Coolibri

„Darüber geben wir keine Auskunft“, antwortet zum Beispiel Volker May, Geschäftsführer des Dortmunder Clubs Freizeitzentrum West (FZW). Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. Dabei geht’s gerade mal um eine Konzertkarte. Die Popmusiker von Stereolove zum Beispiel sind im November im FZW schon für 22,70 Euro zu sehen. Wie viel bekommt die Band, was der Veranstalter? Und: Was bleibt für die Putzfrau übrig?

Konzertkarte: „Das FZW kann nicht mitreden“

„In erster Linie verdienen die Veranstalter“, sagt May. Es gibt zwei – einer veranstaltet die ganze Tour, der andere das lokale Konzert. „Das kommt auf das Geschäftsmodell an“, legt Volker May nach. Er schildert das Grundmodell, nachdem die Band vom Tourveranstalter bezahlt wird, und diese Firma teilt sich die Einnahmen mit dem lokalen Veranstalter, der wiederum die Halle bezahlt – etwa das FZW. „Das FZW kann nicht mitreden beim Ticketpreis. Wir kassieren Miete. Dieses Modell ist immer das gleich, nur der Kuchen wird anders verteilt.“

Und genau um diese Verteilung geht es. Doch die ist schwer zu erfahren. Das liegt zum einen daran, dass es tatsächlich Tausende verschiedener Geschäftsmodelle gibt. Nicht jede Band erhält den gleichen Prozentsatz vom Kuchen, und die Technik der Rolling Stones ist aufwändiger und damit teurer als die von jungen Bands wie Egotronic. Aber es liegt auch an einer ganzen Branche, die sich höchst ungern in die Karten gucken lässt. Wie sich schön am Beispiel der CTS Eventim AG zeigt. Die Firma dürfte jedem ein Begriff sein, der in den vergangenen 20 Jahren eine Konzertkarte in Deutschland gekauft hat. Über das Eventim-System werden nach eigener Auskunft jährlich und europaweit über 100 Millionen Karten verkauft. Seit Jahren steigert das Unternehmen seinen Gewinn; 2011 lag ein Gewinn von über 94 Millionen Euro vor, vor Steuern und Abschreibungen (Fachchinesisch: „Ebitda“). Im Jahr 2007 lag die Summe noch bei knappen 54 Millionen Euro. Und was sagt CTS auf die Frage, wie sich der Preis einer Konzertkarte zusammensetzt? Nix: „CTS möchte dazu keine Zahlen liefern“, heißt es dazu lapidar von Unternehmenssprecher Alexander Baer. Stattdessen empfiehlt er, zu googlen.

„Wir haben keine Hinweise“

Es ist ja schon klar, dass ein Kaufmann ungern über Gewinn, Verlust und Margen spricht. Aber selbst bei der Frage nach einem fiktiven Beispiel oder einer wenigstens ungenauen Auskunft, wie sich so ein Konzertticket zusammensetzen könnte, machen viele kleine und große Unternehmen der Branche zu. „Wir können dir in deinem Anliegen nicht weiterhelfen. Tipps und / oder Hinweise haben wir auch nicht“, verschickt Continental Concerts aus Dortmund eine nicht unterzeichnete Mail. Größere Veranstalter wie Karsten Jahnke oder Marek Lieberberg melden sich weder telefonisch noch elektronisch auf Anfrage von Coolibri zurück. Wie genau der Kuchen verteilt wird, bleibt Betriebsgeheimnis.

Gibt es was zu verbergen? Jedenfalls ist viel Geld im Spiel: Die „Branche erzielt Rekordumsatz“, meldet der Bundesverband der Veranstaltungswirtschaft. Im Jahr 2011 belief sich demnach der Umsatz der Branche auf 3,9 Milliarden Euro – ein Wachstum von 24 Prozent gegenüber den Zahlen aus dem Jahr 2010. Zum Vergleich: Die Tonträgerindustrie (CDs, Downloads, Vinyl) kam im Jahr 2011 auf einen Gesamtumsatz von 1,48 Milliarden Euro –weniger als die Hälfte. Im Jahr 2011 erwarben 24,3 Millionen Käufer 74,3 Millionen Konzertkarten zu einem durchschnittlichen Preis von 37,17 Euro. „Die Umsatzexplosion betrifft nur die großen Hallen, die Stadion- und Arena-Konzerte“, sagte der Konzertveranstalter Berthold Seliger während eines Vortrages in Zürich. „Es gibt eine Stagnation bei den kleinen Konzerten.“

Von diesem Kuchen wird vor allem eine Industrie reich. „Ende der 80er-Jahre lagen die Gagen für neue Bands, die gute PR hatten und einen gewissen Zuschauerzuspruch erwarten ließen, bei 1500 DM. Heute ist es beileibe nicht selbstverständlich, für eine ähnliche Band 750 Euro aushandeln zu können“, sagt Seliger.„Bei den CDs kann man’s genau runterrechnen, weil das eben ein Produkt mit fixen Kosten ist. Ein Konzert ist das nicht – erstens ist jedes Konzert anders, es kommt auf 1000 Dinge an, die eben immer unterschiedlich sind, Technik, Catering, undsoweiter.“ Auch die Zahl der Zuschauer sei schließlich variabel. Seliger wettert gegen die Ticketverkäufer wie CTS Eventim: „Diese erhalten in der Regel einen höheren Anteil aus dem Verkauf eines jeden Tickets, als der Konzert- und der Tourneeveranstalter nach Abzug aller Produktionskosten.“ Bei den Clubkonzerten sei der Anteil der Ticketverkäufer sogar noch höher als der der Künstler.

Technik, Catering, Hotel, Strom, Reinigung…

Ein mittelgroßer Tourveranstalter, der namentlich nicht genannt werden will, skizziert die Zusammensetzung einer Konzertkarte schließlich noch genauer: „Vereinfacht gesagt, teilen sich Tourveranstalter und örtlicher Veranstalter die Netto-Einnahmen eines Konzerts in Clubs von 800 bis 1500 Plätzen ungefähr fifty-fifty. Mal ist das Verhältnis geringfügig anders, mal kommt es auch auf die Kosten an. Der örtliche Veranstalter bestreitet von seiner Hälfte unter anderem die Hallenkosten mit Miete, Strom und Reinigung usw., die Technik, das Catering, das Hotel, die GEMA und örtliche Werbung.“ Der Tourveranstalter wiederum bezahle von seiner Hälfte unter anderem die Gage, die bundesweite Werbung, die Transportkosten und das Tourpersonal.

Andere rechnen anders. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung berechnet der Konzertveranstalter Scumeck Sabottka (MCT) ein Beispiel mit einer Band, die vor Jahren rund 250.000 Alben in Deutschland verkauft hat: „Ich mache mit der Band ein Konzert in Berlin, da kommen 10.000 Leute, ich nehme 48 Euro pro Karte und zahle der Band 250.000 Euro.“ Von solchen Summen können die meisten Künstler in Deutschland allerdings nur träumen. Der durchschnittliche Verdienst eines Musikers liegt laut GEMA nämlich aktuell bei rund 12.000 Euro. Pro Jahr.

Photo by Sergio Ruiz on Unsplash

 

Allah im Gymnasium - hasan almasi unsplash

Was macht Allah im Gymnasium?

Start einer Arbeitsgruppe “Islamischer Religionsunterricht” am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Lünen – Veröffentlicht am 23.06.2012 in der Westfälischen Rundschau / Lünen

Lünen. Glauben ist etwas anderes als Wissen. Das ist nicht nur ein erprobter Spruch von Mathelehrern, das ist auch die bittere Wahrheit, die viele muslimische Kinder und auch Erwachsene erleben müssen. „Du bist eine moderne junge Frau, du trägst kein Kopftuch, warum fastest du also?“ Eine Frage, auf die eine junge Mutter keine Antwort wusste. Sie glaubt, also stellte sich ihr die Frage nicht. Doch es bedrückte sie, die Frage nicht selbst beantworten zu können. Die einzige religiöse Kompetenz in ihrem Leben war die Großmutter. In Lünen wird sich das bald ändern, ab August startet ein landesweit nahezu einzigartiges Projekt: eine Arbeitsgruppe für islamischen Religionsunterricht am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium.

Die junge Mutter erzählte am Donnerstagabend bei einer Informationsveranstaltung für Eltern im Stein-Gymnasium von den Fragen nach Kopftuch, nach dem Fasten, nach dem Gebet. Fragen, die sie für sich selbst nur mit „das haben wir schon immer so gemacht“ beantworten konnte. Und der Unterricht in der Moschee ist für viele nicht ausreichend. Das wurde bei dem Elternabend im Stein-Gymnasium sehr deutlich. Die Lehrer hatten eingeladen, um ihr Konzept von einer Arbeitsgruppe rund um islamische Theologie zu erläutern.

NRW will islamischen Religionsunterricht

2011 änderte der NRW-Landtag mit den Stimmen von SPD und Grüne sowie Teilen der CDU das Landesschulgesetz – bekenntnisorientierter Religionsunterricht für muslimische Kinder auf Deutsch wird eingeführt. Zurzeit fehlt es noch an geeigneten Lehrern.

Ab August geht es los, zwei Stunden pro Woche, ohne Benotung, nicht versetzungsrelevant, freiwillig. Der Andrang ist stark. Gut 35 Eltern nutzten die Gelegenheit, engagiert mit Lehrer Detlef Suckrau, mit dem Leiter der Arbeitsgruppe (und Referendar am Stein) Muammer Üce und mit Professor Mouhanad Khorchide vom Zentrum für islamische Theologie an der Uni Münster zu diskutieren. Alle Eltern applaudierten dem Projekt. „Der Unterricht in der Moschee reicht nicht aus“, sagt zum Beispiel Muhterem Erinola, ein interessierter Vater. „Da bleibt die Lehre auf halber Strecke liegen.“ „Die Jugendlichen identifizieren sich stark mit ihrer Religion“, sagt Khorchide, wissen aber wenig darüber.“ Der Unterricht in der Arbeitsgruppe (AG) fungiert „gerade auch als Gegengewicht zur Moschee“, sagte Detlef Suckrau.

Referendar Üce über die Inhalte seiner AG: „Auf das Auswendiglernen des Korans kommt es nicht an. Sondern auf Reflexion.“ Er will nicht nur religiöse Inhalte, sondern auch die Geschichte vermitteln. Ein Gegengewicht bilden zu vielen zweifelhaften religiösen Internetseiten, zu den Menschenfängern der Salafisten oder anderen Extremisten. Allah ist eben keine Sache für Hinterzimmer, Allah gehört auch ins Gymnasium.

21 Schüler haben schon zugesagt, Üces Vertrag mit der Schule läuft Ende April aus. Wie es weiter geht? „Das hängt von der Nachfrage ab“, so Suckrau.

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Frank Walter Steinmeier zurueck in der Ochsentour

Warum lächelt Frank-Walter Steinmeier erst beim Abschied?

Erschienen in der Westfälischen Rundschau, Lokalausgabe Lünen, am 5. Mai 2012

Lünen. Eigentlich ist die Welt des Frank-Walter Steinmeier ja in Ordnung. Der Politiker hat es geschafft und ist ganz oben angekommen. Vizekanzler a.D., Bundesaußenminister a.D., aktuell Oppositionsführer und SPD-Fraktionsvorsitzender. Doch manchmal schleichen sich auch sperrige Pflichten ein in die Welt der Bekannten und Erfolgreichen.

Gestern (Freitag, 4. Mai 2012) dürfte sich Frank-Walter Steinmeier an seine Ochsentour erinnert gefühlt haben. Lokaltermin in Lünen. Besichtigung des Aurubis- Werkes. Komplett mit SPD-Anhang und hohen Tieren von Aurubis. Das Werk in Lünen ist zwar immerhin weltweit das größte seiner Art, aber: Es gibt nichts zu entscheiden für Steinmeier. Es gilt nur, Profil zu zeigen. Lächeln. Händeschütteln. Wahlkampf eben. Schützenhilfe für Rainer Schmeltzer, Direktkandidat der SPD im Wahlkreis 116, Unna-II.

Steinmeier ist Profi, und würdevoll erträgt er die Busfahrt über das Werksgelände. Erfährt, dass 130 Lkw täglich Kupferschrott anliefern. Auch Kessel aus dem vorderen Orient, heißt es aus dem Lautsprecher im Bus. Der ehemalige Bundesaußenminister bekommt zu hören, dass Aurubis aktuell 31 Azubis beschäftigt. Worte wie „Galvanikschlamm“ fallen. Steinmeier macht gute Miene. Lächelt, fragt nach, interessiert sich. Doch manchmal verschränken sich seine Arme, entgleiten ihm die Gesichtszüge ins Abwesende. Dann spricht die Mimik Bände. Erzählt von Berlin. Vom Bundestag. Vielleicht von früher. Womöglich auch vom heimischen Garten, in dem es bei 21 Grad und strahlendem Sonnenschein im Mai auch ganz hübsch sein dürfte.

Steinmeier gewinnt mit einem Lacher

Plötzlich bricht es aus einem Genossen heraus. „Abgesehen davon, dass er zu spät gekommen ist, macht er jetzt auch noch Termindruck.“ Und er hat recht, ein Programmpunkt fällt flach, der Ex-Minister spart sich die Besichtigung des neuen Lärmschutzwalls. Trotz allem ist die SPD-Welt hier bei Aurubis noch in Ordnung. Steinmeier bedankt sich, dass er hier sein darf. „Meine feste Auffassung ist: Wir dürfen uns nicht in die Defensive drängen lassen, was unsere Wirtschaft angeht.“

Er skizziert, dass die Zukunft für Aurubis Sonne und Regen bringen wird: Auf der einen Seite wird die Wirtschaft viel Kupfer brauchen, um Stromleitungen zu bauen – etwa, um Strom aus Windkraftanlagen in der Nordsee in den Süden zu bringen. Auf der anderen Seite ist Kupferrecycling ein stromhungriges Geschäft, und die Preise für Energie werden steigen. Mit einem Besuch vor Ort sei das Thema nicht so trocken. Aber: „Ich bin auch hier, um der SPD und Hannelore Kraft zu helfen.“

Das schönste an Ochsentouren ist ja, dass sie irgendwann enden. Noch besser ist es, wenn man so viel erreicht hat, dass man sie selbst beenden kann. Steinmeier kann. Aber er geht mit einem Lächeln: „Darf ich mich jetzt verabschieden?“ Gelächter, fröhliches Händeschütteln. Die Leute bei Aurubis hat er schon gewonnen.

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