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Chaplins Zeitreisender

Die Briten machen die besten Revolverblätter der Alten Welt; denn erstens haben sie Humor und zweitens steht ihnen nicht die verklemmte Zeigefinger-Wedelei im Weg, von der sich die deutsche Yellow Press nie ganz hat befreien können. Diese Vormachtstellung hat das Empire neulich wieder ausgebaut.

Es war der Online-Ableger der Daily Mail. Reporter des Blattes haben nämlich in einem Film aus dem Jahr 1928 eine Zeitreisende entdeckt. Es geht um einen Werbefilm für Charlie Chaplins „Zirkus“. Eine ältere Dame geht durchs Bild, hält sich die Hand ans Ohr und redet hinein. Tatsächlich sehen ihre Gesten so aus, als telefoniere sie mit einem Handy.

„Time traveller“, schreibt die Daily Mail. Allerdings ist das mit den unscharfen Filmaufnahmen von 1928 so eine Sache. Etwas ähnliches ereignete sich Mitte der 70er, als eine Raumsonde Bilder vom Mars funkte und Gelehrte Felsen entdeckten, die wie ein Gesicht aussah. Shocking!

Doch Aufnahmen, die 30 Jahre später gemacht wurden, widerlegten das Gesicht – die Unschärfe der alten Fotos hatte Muster produziert, die sich als Gesicht interpretieren lassen konnten.

Was lernen wir daraus? Je unklarer die Sachlage, desto mehr Spielraum für menschliche Fantasie. Und in Sachen Zeitreise: Der schlagende Beweis, dass sie nie möglich sein werden, wird stündlich erbracht. Einfach, indem uns niemand besucht.

Erschienen 2010 in der Westfälischen Rundschau. Für diese Website sprachlich leicht überarbeitet. 

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