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Texte leicht und richtig kürzen

Da steht man nun vor einem Stoß Papier und soll diesen kürzen. Am besten auf 20 oder 30 Zeilen. Wie macht man das? Wie schafft es ein Redakteur, aus einem 300-seitigen Jahresbericht eines DAX-Unternehmens eine Meldung mit 30 Zeilen zu machen? Oder, anders gefragt: Wie kürzt man Texte richtig?

In den meisten Fällen ist es mit Kürzen nicht getan, in meiner täglichen Arbeit nutze ich die Original-Meldung oft nur als Informationsquelle und formuliere gleich neu. Das hat den Vorteil, dass ich den Text gleich neu strukturieren kann, gemäß den journalistischen Qualitätskriterien.

How-To: Texte kürzen wie ein Redakteur

Nehmen wir an, Sie haben ein Interview oder ein Recherchegespräch geführt. Nun haben Sie ein Transkript (Tipp: gleich am Notebook mitschreiben. Das führt zwar dazu, dass man das Gesagte weniger gut verinnerlicht; die Formulierungen werden aber naturgetreuer und Sie können mehr Zeichen pro Minute mitschreiben als per Hand, auf einem Notizblock). Ihr Transkript ist mehrere Seiten A4 lang, das Diktiergerät hat eine halbe Stunde Gespräch aufgenommen. Jetzt sollen Sie aus dieser Textmenge, sagen wir, eine Meldung von 1000 Zeichen schreiben, zum Beispiel für eine Haus-Zeitschrift oder für Ihren Blog.

Wie kürzt man richtig? Jede Information ist doch wichtig! Allerdings gibt es Informationen, die wichtiger sind als andere. Jeder Text hat wichtige und weniger wichtige Inhalte. Um die entscheidenden Stellen von den unwichtigen zu trennen, arbeite ich die zentralen Botschaften aus dem Text heraus.

Der Redakteur stellt die richtigen Fragen

Richtig zu fragen ist leider leichter gesagt als getan.

Ich persönlich verschaffe mir zunächst einen Überblick. Ich durchdringe das Thema, bis aus meiner Sicht als interessierter Laie keine Fragen mehr offen bleiben: WER macht WAS, WANN, WO, WARUM und WIE?

Durchdringen Sie das Thema, bis für Sie keine wesentlichen Fragen mehr offen sind! Stellen Sie sich zuerst diese Fragen: WER macht WAS?

Sobald ich die Antworten auf diese beiden Fragen habe, finde ich heraus, was die zusätzlichen interessanten Punkte sind: WANN und WO wurde es gemacht? Erst danach werden die Antworten auf die Frage WIE interessant – und WARUM kommt, je nach Thema, danach.

Jetzt werden viele sagen: Schön und gut, aber in meinem Thema gibt es mehr als nur drei wichtige Punkte – es gibt bestimmt 15! Ja, so mag es dem Betroffenen erscheinen. Dennoch kann ein erfahrener Redakteur wenn nicht jedes, dann aber die Mehrzahl aller Themen auf zwei, drei, vielleicht vier Kern-Botschaften kürzen. Voraussetzung: Der Text richtet sich nicht an ein Fachpublikum, sondern an die interessierte Allgemeinheit. Versetzen Sie sich in die Lage, den Text aus dem Blickwinkel des Lesers zu sehen!

  • Ein Leser kennt sich in der Regel im Thema weniger aus als Sie, Ihr Vorgesetzter oder ein Experte. Stellen Sie sich vor, wie Sie sich mit einem Thema auseinandersetzen, in dem Sie selbst kein Experte sind – beispielsweise Kernfusion: Was sind die wichtigsten Fragen dabei? Etwa: Welche Schadstoffe werden bei der Produktion von Energie mittels Kernfusion freigesetzt – und welche Substanzen müssen endgelagert werden? Wie gefährlich ist Kernfusion im Vergleich zur Kernkraft? Technische Details, für die sich Ingenieure und Physiker brennend interessieren, werden so schnell unwichtig. Vorausgesetzt, die Zielgruppe ist allgemein gehalten.
  • Beachten Sie das Limit – je nachdem, wie viele Zeichen Sie zur Verfügung haben, können Sie weitere Fakten hinzufügen. Haben Sie sehr viel Text, identifizieren Sie die einzelnen Themenkomplexe, die Sie berichten wollen. Fertigen Sie eine Rangliste der Informationen an und arbeiten Sie diese von oben (entscheidend) nach unten (eher ergänzend, weniger wichtig) ab.
  • Streichen Sie rigoros Füllwörter, nichtssagenden Text, Wiederholungen und Details, die für die Kernfrage unwichtig sind.
  • Löschen Sie alles, was nicht zum Thema gehört.
  • Schreiben Sie Text um. Machen Sie aus drei komplizierten Schachtelsätzen einen kurzen Satz, der leicht verständlich ist.
  • Erklären Sie Fremdwörter.

Bauen Sie sprichwörtlich einen neuen Text – oft ist das leichter, als einen bestehenden Text umzuschreiben.

Kürzen Sie dabei alles, was unbrauchbar ist. Entwerfen Sie einen fertigen Text und stimmen Sie diesen mit dem Interviewpartner ab, sofern Sie den Pressekodex einhalten wollen (oder müssen) oder Ihre Interview- und Recherchepartner auf einer Textabnahme bestehen.

Es braucht ein wenig Übung, aber auch ein Laie kann das schaffen. Dreh- und Angelpunkt der ganzen Methode ist der Blickwinkel des Lesers und natürlich die Kernbotschaft des Textes – vermitteln Sie das eine, ohne das andere aus dem Auge zu verlieren.

 

 

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