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raus aus dem ruhestand - huy phan - unsplash

Warum holt ein Automobil-Zulieferer Rentner aus dem Ruhestand zurück?

Berater, Mentoren, Ausbildung und Hilfe zur Selbsthilfe – Erfahrene Experten ab 60, Rentner, Pensionäre, sind vielen Firmen inzwischen Gold wert. Erschienen in der Westfälischen Rundschau vom 3. April 2012

Früher hieß es, wer einmal zum „alten Eisen“ gehört, ist und bleibt abgemeldet. Heute ist das Gegenteil der Fall. Fachkräfte mit  jahrzehntelanger Erfahrung sind gefragter denn je in Deutschland. So gefragt, dass sogar Ruheständler aus der Rente raus, zurück in den Job geholt werden. Vor allem in technischen Berufen, aber auch im Sozialen und im Gesundheitsbereich.

Über 2000 Einsätze in 90 Ländern

Dass Fachkräfte im Ruhestand immer gefragter werden, hat auch der Senior Experten Service in Bonn registriert. Diese gemeinnützige Gesellschaft vermittelt nicht nur Ingenieure, sondern unter anderem auch Lehrer oder Experten aus Gesundheitsberufen nach Deutschland und in alle Welt, um dort Menschen auszubilden und zu beraten – allerdings ehrenamtlich, also ohne Honorar oder Vergütung.
Der SES kam im Jahr 2010 auf über 9000 Experten in seiner Kartei und auf über 2000 Einsätze in rund 90 Ländern – „das bislang erfolgreichste Jahr“, heißt es im Jahresbericht.

Beispiel: Kirchhoff. Der Automobil-Zulieferer aus Iserlohn hat vor gut einem halben Jahr den Ruheständler Karl-Heinz Weidner aus Wörth bei Karlsruhe reaktiviert. Weidners Erfahrung als Ingenieur und als Führungskraft ist zu wertvoll, um sie brach liegen zu lassen. „Natürlich habe ich die offizielle Stelle mit Freuden verlassen und mich über die Freizeit gefreut“, erzählt der 58-jährige Weidner aus seinem Eintritt in den Vorruhestand bei Daimler. „Aber ich hatte schon immer Spaß daran, Wissen weiterzugeben, und dann hat sich
das hier angeboten.“

„Das hier“ ist Weidners neuer Job bei Kirchhoff. Der Ingenieur ist allerdings nicht fest angestellt, sondern er arbeitet nur rund vier Tage in der Woche als Berater, als Coach, als Mentor. Weidner wohnt in den vier Tagen pro Woche im Hotel im Sauerland, seine Familie daheim in Wörth steht hinter ihm. Er fungiert als Mentor von Mario Kranklader (28), Wirtschaftsingenieur und junger Bereichsleiter in der Abteilung Schweißen.

Bewerber beurteilen, Mitarbeiter instruieren

Dabei hat Kranklader nicht nur technische Aufgaben, sondern auch soziale – etwa Bewerber beurteilen oder Mitarbeiter instruieren. „Führung lernt man gut durch Abschauen“, sagt Frank Buchholzki, Operations Director von Kirchhoff. Weidner weiß, wie man sich im sozialen Dschungel eines großen Unternehmens am Besten verhält; die Fallstricke für Führungskräfte sind straff gespannt und gut getarnt. „Ohne einen Mentor braucht man bestimmt drei Mal so lange, um das alles zu lernen“, sagt Kranklader, der sich das Büro mit Weidner teilt. „Und man zerschlägt möglicherweise viel Porzellan“, ergänzt Buchholzki.

„Porzellan“ wie zum Beispiel gute Beziehungen innerhalb eines Werkes. Schlägt einer bei einem Problem mal den falschen Ton an, wird eine Stufe in der Hierarchie übergangen oder eine E-Mail missverständlich formuliert, ist das Versöhnen hinterher aufwendig und schwierig und es kostet Zeit, die Kranklader für seinen eigentlichen Job braucht. Diese im Neudeutsch als „Soft Skills“ bekannten Fähigkeiten machen etwas mehr als die Hälfte der Mentor-Beziehung zwischen Weidner und Kranklader aus, der Rest
dreht sich um die Technik.

GmbH vermittelt Ruheständler

Der Kontakt zwischen Kirchhoff und Weidner kam über das  Unternehmen Automotive Senior Expertes (ASE) zustande, eine GmbH in Mannheim, die sich die Vermittlung von Experten aus dem Autozuliefererbereich zum Ziel gesetzt hat. „Die Folgen des demografischen Wandels tun vielen Firmen richtig weh“, beschreibt ASE-Geschäftsführer Steffen Haas die Grundlage seines Erfolges. Über das Honorar, das Weidner bekommt, schweigen die Beteiligten. Nur so viel: 500 bis 950 Euro täglich seien üblich in der Branche.

Und die Branche wächst. Noch im Jahr 1999 zählte die Bundesagentur für Arbeit knapp über 47 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Alter von 65 bis 70 Jahre in Deutschland. Im Juni 2011 waren es
bereits 92 000. Der Trend gilt auch für die darüberliegenden Altersklassen, die Rubrik 60 bis 65 Jahre hat sich schier verdoppelt im gleichen Zeitraum – von 548 000 auf über 1,2 Millionen. Gleichzeitig sank die
Zahl der Jüngeren, etwa in der Klasse 30 bis 35 Jahre: von 4,3 auf rund 3 Millionen. „Die Leute wollen keine Fehlschläge, die wollen Spaß haben an der Arbeit“, sagt ASE-Chef Haas, „dafür braucht man allerdings Interessenten, die nicht länger als fünf Jahre aus ihrem Beruf raus sind. Es ist weniger die fachliche Seite, die viele dann verlieren, sondern eher ihre Disziplin und ihre Spannung.“

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fischerboot - fang seines lebens - nick karvounis - unsplash

Warum war der „Fang seines Lebens“ kein Fisch?

Französischer Thunfischdampfer rettet italienisches Kreuzfahrtschiff und darf auf millionenschwere Entschädigung hoffen – Erschienen in der Westfälischen Rundschau am 2. März 2012

Victoria/Seychellen. Eigentlich ist ja die Jagd auf Thunfisch schon ein recht einträgliches Geschäft, doch so einen dicken Brocken hatte Kapitän Alain Derveute noch nicht am Haken: Er und seine Crew schleppten das havarierte Kreuzfahrtschiff Costa Allegra mit ihrem Thunfischdampfer „Trevignon“ in den Hafen der Stadt Victoria auf den Seychellen. Kurz bevor sie gestern dort ankamen, hatte Derveute noch zwei Schleppboote verscheucht, die die Allegra das letzte Stückchen in den Hafen bugsieren sollten. Darauf reagierte der Verkehrsminister der Seychellen, Joel Morgan, zwar etwas ungehalten. Doch Derveutes Beharrlichkeit dürfte sich für ihn und seine Mannschaft auszahlen.

“Die Summen sind da schon gigantisch”

Schließlich gibt es eine alte Regel unter Seeleuten, laut der der Abschlepper die Hälfte vom Wert des havarierten Schiffes als Bergerlohn in Rechnung stellen darf. Und die Costa Allegra ist mehrere Hundert Millionen Euro schwer. „Mir ist noch nie etwas ähnliches passiert“, sagte Derveute dem italienischen TV-Kanal „TGCOM 24“. „Die Wetterbedingungen waren zwar gut, aber die Navigation war ermüdend. Zwei von uns wechselten sich am Steuer ab, denn wir hatten aus Sicherheitsgründen den Autopiloten abgeschaltet.“ Die Trevignon gehört dem französischen Fischereiunternehmen Compagnie Francaise du Thon Oceanique. Experten halten es für unwahrscheinlich, dass das Unternehmen keine Absprache getroffen hat mit der italienischen Reederei der Allegra, Costa-Kreuzfahrten. Gestern war zwar von beiden Firmen nichts über ein Abschlepp-Abkommen zu hören, doch die Kosten dürften enorm hoch sein.

„Die Summen sind da schon gigantisch und können unter Umständen auch über die Hälfte des Wertes von Schiff und Ladung hinausgehen“, sagt ein Branchenkenner. Und: Selbst wenn ein Abkommen besteht, muss dort nicht unbedingt eine Summe genannt sein. Wahrscheinlich sei, dass in den kommenden Tagen ein unparteiischer Experte den Wert der Rettungsmission bemisst und dieser dann zur Grundlage für die Verhandlungen zwischen Costa-Kreuzfahrten und den französischen Fischern wird. Trotzdem: „Der Fischer macht den Fang seines Lebens.“

Tage und Nächte an Deck

Während das Unglück für Costa einen weiteren Schlag ins Kontor bedeutet, hat die Geschichte für die über 600 Passagiere und über 400 Besatzungsmitglieder ein glückliches Ende genommen. Ein Brand im Maschinenraum der Costa Allegra hatte am Montag das Schiff manövrierunfähig gemacht, gleichzeitig fielen Stromversorgung und Klimaanlagen aus.

Wer keine Kabine mit Balkon hatte, musste die Tage und Nächte an Deck verbringen, da in den fensterlosen Kabinen ja weder Strom für Licht noch Belüftung vorhanden war. Auch die Toilettenanlagen waren ausgefallen. Trotzdem gab es genug Wasser und kalte Verpflegung für alle, wie ein Passagier berichtete. Die Angst vor Piratenangriffen hatte zunächst für Unruhe gesorgt, bis Schiffe der Küstenwache der Allegra Geleitschutz gaben. Unter „Hurra“-Rufen einiger Passagiere lief die Allegra gestern Morgen in den Hafen ein. Sechs Passagiere hatten Knochenbrüche erlitten. Einer der Reisenden sagte, er fühle sich müde und dreckig und habe Angst vor Piraten gehabt. „Die Crew war großartig. Sie hat versucht, das Bestmögliche zu tun, um es uns so angenehm wie möglich zu machen“, lobte ein deutscher Passagier die Besatzung. Die Reisenden wurden mit Bussen in Hotels gebracht, Costa hatte ihnen angeboten, ihren Urlaub auf den Seychellen auf Kosten des Unternehmens fortzusetzen.

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Reinhold Messner - Interview - Tim Muessle

Lieber Reinhold Messner, wie dick muss das Eis für meine Schlittschuhe sein?

Im Westen. Teiche, Seen und Tümpel von Westfalen sind zugefroren, Hunderte laufen bereits Schlittschuh darauf. Nicht ohne Risiko. Verrät einer, der es wissen muss: Reinhold Messner, Extrembergsteiger, Abenteurer, Bezwinger des Ewigen Eises. Im Gespräch mit der WR erinnert er sich an brenzlige Situationen und mahnt, dass auch ein zentimeterdick zugefrorener Teich noch Risiken bergen kann. Veröffentlicht am 7. Februar 2012 in der Westfälischen Rundschau

„Am Anfang friert ein Teich am schnellsten zu, später geht es langsamer. Denn die Eisschicht isoliert“, erklärt Messner, der als erster Mensch alle 14 Achttausender der Welt bestiegen hat. Messner hat außerdem bereits Grönland und die Antarktis durchquert. Er kennt sich aus im Eis und weiß, welche Faszination es ausüben kann. Gefährlich: Je tiefer ein See, desto mehr Wärme speichert er am Grund. Dazu kommt, dass einige Gewässer von einem Bach durchflossen werden und somit in Bewegung sind, wie etwa der Hammerteich in Witten. Wer dann einbricht, wird schnell unters Eis gezogen.

Auf dem Eis im Nordpolarmeer eingebrochen

Messner: „Man kann Kindern eine Freude machen, indem man mit ihnen auf einem Teich Schlittschuh fährt, aber dazu muss das Eis 20 Zentimeter dick sein.“ Um die Dicke der Eisschicht festzustellen, müsste sich also jemand finden lassen, der ein Loch bohrt. Doch selbst dann ist noch nicht garantiert, dass das Eis auch an allen Stellen des Teiches gleich dick ist, erklärt der Fachmann. Das Tückische daran ist, dass die zugefrorenen Gewässer schlecht einschätzbar sind. Das Eis steht unter Spannung, die zu Rissen führen kann. Messner selbst ist noch nicht eingebrochen, hat das Schreckensszenario aber auf einer Expedition miterlebt: „Mein Bruder brach einmal ins Nordpolarmeer ein. Das war eine Überlebenssituation, einer der größten Schrecken meines Lebens. Die Eisschollen schlugen über ihm zusammen. er hat sich dann an einer Scholle herausgezogen, ich habe ihm geholfen. Das ist so schlimm, dass ich das niemandem wünsche“, erinnert er sich im WR-Gespräch.

Gewicht verteilen

Erst am vergangenen Donnerstag brach ein elfjähriger Junge auf einem Teich in Dortmund-Dorstfeld ein. Ein Freund konnte ihn herausziehen.
Die Feuerwehr rät denen, die es nicht lassen können: Nicht allein aufs Eis gehen, als Retter nicht bis zur Bruchkante gehen, diese könnte abbrechen.
Retter sollten sich auf das Eis legen, um ihr Gewicht besser zu verteilen. Eingebrochenen sollte ein großer Ast oder etwas ähnliches entgegengestreckt werden.

Messner: „Nie wieder“

Im Buch „Eis Pole“ verarbeitet Messner seine Erfahrungen, die er auf die Touren zum eisigen Ende der Welt gemacht hat: „Wie oft habe ich mir in diesem letzten Stück der Antarktis- Tour ein ,Nie wieder’ geschworen. Wenn der Treibschnee die Spurarbeit erschwerte, häufig, wenn ich im White-out schier irr wurde. ,Nie zurück’ aufs Eis wollte ich, und doch war ich wenig später – gute Sicht vor mir, die wärmende Sonne über mir – begeistert von diesem Tun.“ Diese Faszination der menschlichen Grenzen trieb den Abenteurer immer wieder in die entlegensten Regionen der Erde, auf Eisflächen, die über Landmassen liegen, aber auch auf Eis, unter dem Wasser lauert, „eine freie Eisfläche, groß wie Köln“.

Auf einer Tour in Richtung Polarmeer in der Nähe von Sibirien hatte Messner eine weitere gefährliche Begegnung mit dem nicht ganz so ewigen Eis. Er berichtet der WR: „Die Eisdecke war nur rund zehn bis zwölf Zentimeter dick. Wir mussten von der Küste auf das dickere Eis gelangen.“ Dazu war eine Strecke mit dünnem Eis zu überqueren. „Das ist nicht ohne, denn man geht auf einer Eis-Decke, die auf dem Ozean schwimmt. Am Beginn ist das unangenehm, aber mit Skiern geht es. Doch das Eis brach irgendwann in viele Schollen, manche so groß wie ein Wohnzimmer, manche groß wie ein Haus. Das ist wie die Hölle, die Dante beschrieben hat.“

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Foto: Horst Müller

Bud Spencer Terence Hill Rainer Brandt wikimedia

Was war das Geheimnis von Bud Spencer, und warum heißt es mit Vornamen „Rainer“?

Der Synchronsprecher Rainer Brandt sorgte für den trockenen, schrägen Humor der Spencer-und-Hill-Filme – Erschienen in der Westfälischen Rundschau am 6. Dezember 2011

Schwäbisch Gmünd/Berlin. „Sie drehten gerade eine Szene in einem orientalischen Basar, wo ein Liliputaner mit einem Messer in der Hand an einem riesigen Wandteppich runterrutschen muss, um dann unten angekommen, Carlo diesen Gruß aus Solingen in die Rippen zu jagen“, erinnert sich Rainer Brandt. Mit „Carlo“ ist Bud Spencer gemeint, und der „Gruß aus Solingen“ beschreibt ein Messer. Diese Art von Wortwitz beherrscht nur einer: Rainer Brandt, Berliner Synchronsprecher und Dialogschreiber, beschreibt Dreharbeiten an einem „Plattfuß“-Film.

Während die Filme von Bud Spencer und Terence Hill hierzulande schwer berühmt sind, weiß aber kaum jemand, wer eigentlich hinter den aberwitzigen Dialogen steckt, die die deutschen Fassungen der Spencer-und-Hill-Filme erst so richtig zum Erfolg gemacht haben. Ohne die schrägen Sprüche von Rainer Brandt wären die Filme nämlich B-Ware geblieben, erst seine Dialogarbeit hat der „linken und der rechten Hand des Teufels“ den Weg zum Kino-Olymp freigeschaufelt. Bud Spencer, bürgerlich auch als Carlo Pedersoli bekannt, hat erst Ende vergangener Woche ein Freibad in Schwäbisch Gmünd eröffnet. Zeit, mal bei Rainer Brandt zu fragen, ob Spencer und Hill überhaupt wussten, was Brandt mit ihren Filmen nach Drehschluss noch alles anstellte.

„Schönen guten Tag. Möchten Sie vielleicht zunächst eine Dusche nehmen?“

„Die Jungs wussten das auch, denn selbstverfreilich kennen wir uns gut.“ Selbstverfreilich. Noch so ein Brandt-Wort, das nur er hinkriegt. „Schönen guten Tag. Möchten Sie vielleicht zunächst eine Dusche nehmen?“ So begrüßte er einst „taz“-Redakteure zum Interview. „Was bleibt am besten in den Zuschauer-Birnen hängen…? Wenn sie richtig anlachen können. Damit habe ich ,Null’-Filme oft gerettet.“ Allerdings, Kostproben gefällig? „Wer beim Duschen den Hut absetzt, riskiert ‘ne Grippe“ (Banana Joe); „Wenn du glaubst, du hast einen Dummen vor dir, dann bist du bei mir an der richtigen Adresse“ (Das Krokodil und sein Nilpferd); „Auf Wiedersehen, aber es eilt nicht“ (Plattfuß in Hongkong).

Der „taz“ verriet Brandt auch sein Geheimrezept. Er sah sich die Filme vor dem Synchronisieren zwei Mal an, einmal mit, einmal ohne Ton. Und: „Ich habe immer versucht, einfallslose Kampfszenen durch Dialoge den Zuschauern nahe zu bringen.“ So kam es etwa dazu, dass in der deutschen Fassung gerade ein dummer Spruch abgeliefert wurde, während die Schauspieler auf der Leinwand tatsächlich halbwegs ernst guckten
– trockener Humor nach Brandt-Art. „Dass Carlo meine Arbeit immer geschätzt hat, davon gehe ich aus“, so Brandt, „und wenn er gewusst hätte, wie gut ich koche, hätte er mich eventuell geheiratet.“

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metall - guillaume lebelt unsplash

Was zum Himmel bedeutet „Uub, Uut, Uuq, Uup, Uuh, Uus“?

Diese Glosse ist erschienen in der Westfälischen Rundschau am 9. September 2011

Ca, Zn, Na, Au.

Klingt kryptisch? Kennen Sie aber. Hundertprozentig.

Calcium, Zink, Natrium, Gold. Die Abkürzungen kommen im Periodensystem der Elemente vor. Das kennen Sie aus der Schule. Mir persönlich ist der naturwissenschaftliche Nutzen des Systems immer verschlossen geblieben, dafür öffnete sich ein Wunderland an fantastischen Welten vor meinem geistigen Auge. Zirconium, Tantal, Rutherfordium! Das klingt nach Kapitän Nemo, nach einer Reise zum Mittelpunkt der Erde, und wenn schon nicht dorthin, dann wenigstens in das verwilderte Labor eines fiebrig hantierenden Wissenschaftlers zur Jahrhundertwende.
Der vorigen.

Darmstadtium (Ds) ist ein sogenanntes Übergangsmetall. Was das ist? Keine Ahnung, es gibt jedenfalls jede Menge Übergangsmetalle, aufregend, jaja, ich sag’s doch! Im Übrigens finden sich im Periodensystem gar keine Vollblut-Metalle, es gibt nur Alkalimetalle, Erdalkalimetalle, besagte Übergangsmetalle, Halbmetalle, Metalloide und, jetzt kommt’s, Nichtmetalle. Sehr schön sind auch die letzten Elemente in der Reihe, die mit den höchsten Ordnungszahlen: Uub, Uut, Uuq, Uup, Uuh, Uus, Uuo.

Letzteres steht für Ununoctium, ein künstlich erzeugtes Element, von dem insgesamt drei Atome nachgewiesen werden konnten. Eigenartig, zumal die Menschheit noch auf die Entdeckung eines Elements wartet: Vernunftium (Iq).

USB Stick in der Wand

Warum steckt da ein USB-Stick in der Wand?

Erschienen in der Westfälischen Rundschau am 21. März 2011

Siegen. Es wäre gut möglich, 20 Jahre in Siegen zu wohnen und jeden Tag daran vorbei zu gehen, ohne etwas zu merken. So klein und unscheinbar ist der USB-Stick, den jemand in die alte Mauer am Krönchen einzementiert hat. Das Stückchen Elektronik steckt schon seit Wochen in der Wand am Marktplatz neben der Nikolaikirche, auf der statt eines Wetterhahns ein Krönchen thront. Der USB-Stick trotzt den Elementen, nur gut zwei Zentimeter des Teils gucken aus der Mauer heraus.

Im Internet hat sich schon ein Begriff für solcherart eingemauerte Daten gebildet. „Dead Drops“ lautet der Name des jüngsten Phänomens der Computer-Subkultur, und die Idee geht um die Welt. New York, Peking, Berlin, Köln und – Siegen. Wer diesen „toten Briefkasten“ in die Mauer in Siegen eingesetzt hat, bleibt unbekannt. Auf dem Datenträger selbst findet sich kein Hinweis auf den Urheber. Das ist juristisch gesehen vielleicht auch besser so, denn es ist jede Menge Musik drauf – frei zum Kopieren. Wer immer am Marktplatz in Siegen ein paar Minuten Zeit hat und ein Laptop mitbringt, kann sich die Musik auf den Rechner laden. Zum Beispiel die Rocker von Metallica, aber auch Stücke von den Babyshambles. Außerdem gibt’s Bilder von Darth Vader, dem Bösewicht aus Star Wars, eine Ansicht einer enorm  heruntergekommenen Ladenfront mit dem Namen „Paradies“ sowie 116 historische Fotos von Siegen.

“Ein bewusster Schritt zurück und die Entdeckung der Langsamkeit”

dead drop siegen
Was einen Hinweis auf den Urheber der eingemauerten Daten gibt. Die Idee, einen USB-Stick an einem öffentlichen Platz einzuzementieren, hat etwas von einem Studentenscherz – doch die historischen Fotos von Siegen passen nicht recht dazu. Solche Dead Drops finden sich mittlerweile an vielen Orten in der westlichen Welt, los ging’s in New York. Ein Berliner Künstler, der sich Aram Bartholl nennt, hat das Gerät im Oktober 2010 im „Big Apple“ eingemauert. „In einer Zeit mit wachsender Bedeutung von Cloudcomputing und ,tollen’ neuen Geräten ohne Zugriff auf lokale Dateien müssen wir die Freiheit und die Verteilung von
Daten neu überdenken“, heißt es etwas sperrig im Dead-Drop-Manifest. „Liebevoll altmodisch“ nennt der Dortmunder Techniksoziologe Prof. Johannes Weyer das Konzept. „Dead Drops kann man wahrnehmen
als Gegenentwurf zur totalen Digitalisierung, in der wir uns verlieren.“ Weyer sieht die neumodischen „toten Briefkästen“ als Aktionskunst, die für ihn einen „bewussten Schritt zurück und die Entdeckung der Langsamkeit“ bedeuten.

Denn wer wissen will, was auf dem Stick drauf ist, muss hingehen. Hinaus in die reale Welt. Raus aus dem immerwährendem Strom der Nachrichten, Feeds, Tweets, E-Mails, Facebook-Updates. Stattdessen: Zeit mitbringen. Suchen. Sich dem Wetter aussetzen. Neugierige Blicke aushalten. „Es gibt ständig neue Produkte“, kritisiert Weyer, „wie etwa ein Tablet-PC. Der digitale Tsunami überrollt uns, und das Nachdenken  darüber ist uns abhanden gekommen.“ Es sei schon immer die Rolle der Kunst gewesen, die Gesellschaft zum Nachdenken anzuregen. Weyer verweist auf Andy Warhol mit seiner verfremdeten Suppendose, der
ebenfalls Kritik geübt habe. Im Gegensatz zu Warhols Suppendosen, die im vornehm klimatisierten Museum of Modern Art in New York logieren, hat der USB-Stick in Siegen es allerdings schwerer. Kaum beachtet muss er Wind und Wetter trotzen, bis die Technik einmal aufgibt. Auch das unterscheidet die Dead Drops von der nebulösen Datenflut im Internet, das ja bekanntlich nichts vergisst: Sie sind vergänglich. Und damit allzu menschlich.

www.deaddrops.com

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JVA Bedienstete Versuchung - Pixabay

Was haben Justizbedienstete davon, Straftaten zu begehen – mitten im Knast?

Erschienen in der Westfälischen Rundschau am 9. Dezember 2009

Aachen. Die beiden Schwerverbrecher Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski sind wieder gefasst, doch Ruhe kehrt nicht ein in die Justizvollzugsanstalt in Aachen, ganz im Gegenteil. Ein Justizbediensteter steht schon seit Längerem in Verdacht, bei der Flucht geholfen zu haben.

Gestern hat Oberstaatsanwalt Robert Deller bestätigt, dass seine Behörde Ermittlungen aufgenommen hat gegen einen Justizbediensteten. Er soll von der Ehefrau eines Häftlings Geld genommen haben. Es gebe von diesem Fall aber keine Verbindung zu Heckhoff oder Michalski, so Deller.

Nur ganz wenige profitieren von ihren illegalen Aktivitäten

Noch schweigt der mutmaßliche Fluchthelfer, ein 40-jähriger Justizbediensteter. Dellers Behörde will bald entscheiden, ob in seinem Fall Anklage erhoben wird oder ob die Ermittlungen eingestellt werden. Die „Aachener Zeitung” schreibt allerdings davon, dass der mögliche Fluchthelfer Heckhoffs und Michalskis im November bei einer Geldübergabe durch die Ehefrau eines Häftlings von Fahndern beobachtet wurde. „Die Tat eines Einzelnen”, beeilte sich die NRW-Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) zu versichern, stelle das „Sicherheitsgefüge” nicht in Frage. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass Angestellte oder Beamte einer Justizvollzugsanstalt (JVA) gemeinsame Sache machen mit den Häftlingen.

Hintergrund: Sechs Tage auf der Flucht

Die beiden Ausbrecher Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski waren am 26. November von Aachen zunächst nach Köln und von dort ins Ruhrgebiet geflüchtet.  Der verdächtige JVA-Beamte soll ihnen dabei geholfen und sogar Schusswaffen ausgehändigt haben. Auf ihrer Flucht hatten die beiden bewaffneten Schwerverbrecher
insgesamt fünf Menschen zwischenzeitlich als Geiseln genommen. Heckhoff wurde am 29. November in Mülheim, Michalski am 1. Dezember in Schermbeck im Kreis Wesel festgenommen.

„Bei uns gibt es auch schwarze Schafe”, bestätigt Klaus Jäkel, Landesvorsitzender des Bundes der Strafvollzugsbediensteten (BSBD), des Berufsverbandes der JVA-Beschäftigten. „Zigaretten von draußen  mitbringen, das ist der Anfang, damit bändelt man an”, beschreibt Jäkel. „Wir müssen mit den Gefangenen ja arbeiten, so entwickelt sich Nähe”, ringt er um eine Erklärung, warum es einigen Bediensteten schwerfällt, stets penibel nach Vorschrift zu arbeiten.

Nach den Zigaretten kommen vielleicht Handys, oder die Zusammenlegung mit Bekannten in eine große Zelle, sogar Schmuggel von Haschisch, Heroin oder Nazi-Devotionalien wie Flaggen ist schon vorgekommen. Der Knast als durchlässiges System. Die Basler Zeitung berichtete kürzlich über die Schweizer Strafanstalt in Lenzburg: „Drogen und Drogenschmuggel gibt’s in jedem Gefängnis der Welt, drogenfreie Gefängnisse sind eine Illusion”, zitiert das Blatt den Direktor der Anstalt Lenzburg, Marcel Ruf.

Doch es muss nicht immer aktiver Schmuggel sein. Manchmal reicht es schon, wenn die Bediensteten „nur” wegsehen. Vor rund zwei Jahren wurde der Fall der JVA in Plötzensee in Berlin bekannt. Ein Reporterteam der ARD deckte auf, dass Komplizen der Insassen nachts massenhaft Päckchen mit Mobiltelefonen, Haschisch und Anabolika über die Gefängnismauern warfen. Häftlinge fischten sich die Sendungen mit improvisierten Angeln in die Zellen. Und viele Angestellte sahen weg. Manche bezeichneten die Vorgänge sogar als „offenes Geheimnis”.

Es ist nicht immer das Geld oder erschlichene Sympathie, die die Bediensteten dazu drängt, ihre Vorschriften zu vergessen. Im Fall Plötzensee dürfte auch eine gute Portion Angst eine Rolle gespielt haben – manche Häftlinge hatten per Handy Angehörige von Bediensteten bedroht oder den JVA-Beschäftigten gleich vor Ort Druck gemacht. Der Kriminologe und ehemalige Justizminister von Niedersachsen, Prof. Christian Pfeiffer, führt die Kollaboration der JVA-Bediensteten mit den Häftlingen auf soziale Gründe zurück. „Geld spielt dabei keine Rolle”, befindet der Forscher, „auch nicht die nicht sehr gute Bezahlung; man wird schwach wegen der Kampfsituation. Nur ganz wenige profitieren von ihren illegalen Aktivitäten.”

Die Arbeit im Strafvollzug wird zu wenig geschätzt

Gemeint ist damit die Herausforderung an die JVA-Beschäftigten, mit der Aggressivität der Häftlinge umzugehen, mit der jeden Tag „lauernden Gefahr, dass einer durchdreht”, beschreibt Pfeiffer den Knast-Alltag. An der Tagesordnung seien „kleine Alltagswohltaten, das gehört zum Vollzug angesichts der Frust-Situation, die Teil der Strafe ist”. Durch Kooperation mit den Gefangenen versuchten JVA-Bedienstete,  sprichwörtlich Druck aus dem Kessel zu nehmen. Außerdem sei die Gefahr für die Bediensteten groß, an Burnout zu erkranken: „Durch zu viel Aggression und Missmut der Gefangenen und zu wenig Anerkennung”, so Pfeiffer. „Die Arbeit im Strafvollzug wird bundesweit zu wenig geschätzt, es ist einer der härtesten Jobs in Deutschland.”

Am Horizont sieht Pfeiffer aber das Licht der Hoffnung aufflackern: die Bürger werden im Schnitt älter. „Die Zahl der Gefangenen wird sinken, das führt zu einer Stabilisierung des Vollzuges, die Vergreisung der Republik fördert die innere Sicherheit.”

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Der Hunger in der Welt - 1200

Weshalb hungern so viele Menschen auf der Welt, obwohl es seit über 50 Jahren Entwicklungshilfe gibt?

Erschienen in der Westfälischen Rundschau am 4. Juli 2009

Obwohl die Industriestaaten seit rund 50 Jahren Entwicklungshilfe leisten, müssen mehr Menschen denn je in armen Ländern hungern, vor allem in Afrika. Laut den Vereinten Nationen haben zurzeit über eine Milliarde Menschen auf der Welt nicht genug zu essen – obwohl genug Nahrung da ist, wie Hilfsorganisationen betonen. Die Welthungerhilfe geht davon aus, dass täglich rund 24 000 Menschen weltweit des Hungers sterben. Missernten, Kriege, Fehlwirtschaft und Korruption gehören zwar zu den Ursachen des Hungers, doch der Westen muss sich den Vorwurf gefallen lassen, die Dritte Welt auszubeuten.

Denn die Nahrungsmittel auf unserem Planeten sind ungerecht verteilt. Während die Industriestaaten nur rund ein Fünftel der Weltbevölkerung stellen, verbraucht dieses Fünftel zirka zwei Drittel der Nahrungsmittel und 80 Prozent aller Rohstoffe. Da bleibt für arme Länder wenig übrig.

Überschüsse exportiert

Die Zahlen verdeutlichen: Der reiche Westen scheint nicht an wirtschaftlicher Gerechtigkeit auf dem ganzen Planeten interessiert, sonst könnte er seinen Lebensstandard nicht halten. So wirft die Welthungerhilfe den Industrieländern vor, Überschuss aus der eigenen Lebensmittelproduktion billig in die Dritte Welt zu exportieren – was die Märkte dort zerstört. Nach Informationen der Hilfsorganisation Oxfam subventionierten die USA im Jahr 2003 zum Beispiel ihre Reisernte, um sie rund einDrittel unter den  Produktionskosten auf den Weltmarkt zu bringen. So haben arme Länder keine Chance, mitzubieten. Wo sich nichts verdienen lässt, investiert oder arbeitet auch niemand – Felder liegen brach.

Keine Verschwörung – schlechte Absprachen

Es ist keine absichtliche Verschwörung des Westens, um die Dritte Welt am ausgestreckten Arm zu halten. Die Mitgliedsländer der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stecken jährlich rund 100 Milliarden Euro in die Entwicklungshilfe (Deutschland: 5,8 Milliarden Euro). Die Hilfe verpufft allerdings oft, weil die Länder sich untereinander nicht absprechen oder ihre Wirtschaftspolitik die Entwicklungshilfe untergräbt: „Das Hauptproblem liegt darin, dass sich die Politiker des Westens nicht absprechen”, sagt Stefan Leiderer, Ökonom am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik.

Ralf Dickerhoff, Sprecher der Welthungerhilfe, bemängelt die ungerechte Verteilung der Nahrungsmittel und gibt ein Beispiel dafür, wie der Westen die wirtschaftlichen Grundlagen der Dritten Welt angreift:  „Die EU kauft Mauretanien die Fischereirechte ab, aber das Geld kommt nie bei den Fischern an.” Das zerstört die Lebensgrundlage der Fischer in dem Land an der afrikanischen Westküste, die dazu beitragen, dass sich die Mauretanier selbst ernähren können. Ergebnis der wirtschaftlichen Übermacht des Westens: Den armen Ländern bleibt nur, Rohstoffe zu verkaufen und Waren des Westens zu importieren. Ein künstliches Abhängigkeitsverhältnis.

Kriege, Klima, Korruption

Doch der reiche Westenträgt nicht alleine Schuld. Kriege, dieKlimaveränderung, die Finanzkrise und Korruption sorgen für Misswirtschaft, manche Regierungen wirtschaften nur in die eigene Tasche oder in die ihrer Vertrauten. So wie in Simbabwe. „Das Land hat mal Überschüsse an Nahrungsmitteln produziert”, erinnert sich Stefan Leiderer, Ökonom des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik: „Dann wurden Farmer enteignet und das Land in die Hände von Robert Mugabes Vertrauten gegeben. Die haben aber oft wenig Ahnung von Landwirtschaft, so liegen die Äcker brach.”

Anderswo ist es der offene Krieg, in dessen Schlepptau der Hungertod folgt. Wie im Sudan. Seit Jahren bekämpfen sich dort Regierungstruppen und Rebellen. Bis Mitte 2005 haben Mord und Terror Millionen Menschen aus ihren Heimatdörfern vertrieben. Sie mussten ihre Felder und Viehherden verlassen und sind nun selbst auf Hilfe angewiesen, statt Nahrung zu produzieren. Ähnliches gilt im Kongo und in anderen Krisenregionen.

Schlechte Regierungen

Doch auch Gebiete, in denen Frieden herrscht, sind nicht frei von Hunger. Als Grund gibt die Welthungerhilfe „schlechte Regierungsführung und fehlende Demokratie” an. Gleichzeitig verschärfen sich die Spielregeln der internationalen Wirtschaft durch die Finanzkrise, der Klimawandel sorgt für schlechtere Ernten, betonen Hilfsorganisationen. Schlechte Aussichtenfür Afrika.

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