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JVA Bedienstete Versuchung - Pixabay

Was haben Justizbedienstete davon, Straftaten zu begehen – mitten im Knast?

Erschienen in der Westfälischen Rundschau am 9. Dezember 2009

Aachen. Die beiden Schwerverbrecher Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski sind wieder gefasst, doch Ruhe kehrt nicht ein in die Justizvollzugsanstalt in Aachen, ganz im Gegenteil. Ein Justizbediensteter steht schon seit Längerem in Verdacht, bei der Flucht geholfen zu haben.

Gestern hat Oberstaatsanwalt Robert Deller bestätigt, dass seine Behörde Ermittlungen aufgenommen hat gegen einen Justizbediensteten. Er soll von der Ehefrau eines Häftlings Geld genommen haben. Es gebe von diesem Fall aber keine Verbindung zu Heckhoff oder Michalski, so Deller.

Nur ganz wenige profitieren von ihren illegalen Aktivitäten

Noch schweigt der mutmaßliche Fluchthelfer, ein 40-jähriger Justizbediensteter. Dellers Behörde will bald entscheiden, ob in seinem Fall Anklage erhoben wird oder ob die Ermittlungen eingestellt werden. Die „Aachener Zeitung” schreibt allerdings davon, dass der mögliche Fluchthelfer Heckhoffs und Michalskis im November bei einer Geldübergabe durch die Ehefrau eines Häftlings von Fahndern beobachtet wurde. „Die Tat eines Einzelnen”, beeilte sich die NRW-Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) zu versichern, stelle das „Sicherheitsgefüge” nicht in Frage. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass Angestellte oder Beamte einer Justizvollzugsanstalt (JVA) gemeinsame Sache machen mit den Häftlingen.

Hintergrund: Sechs Tage auf der Flucht

Die beiden Ausbrecher Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski waren am 26. November von Aachen zunächst nach Köln und von dort ins Ruhrgebiet geflüchtet.  Der verdächtige JVA-Beamte soll ihnen dabei geholfen und sogar Schusswaffen ausgehändigt haben. Auf ihrer Flucht hatten die beiden bewaffneten Schwerverbrecher
insgesamt fünf Menschen zwischenzeitlich als Geiseln genommen. Heckhoff wurde am 29. November in Mülheim, Michalski am 1. Dezember in Schermbeck im Kreis Wesel festgenommen.

„Bei uns gibt es auch schwarze Schafe”, bestätigt Klaus Jäkel, Landesvorsitzender des Bundes der Strafvollzugsbediensteten (BSBD), des Berufsverbandes der JVA-Beschäftigten. „Zigaretten von draußen  mitbringen, das ist der Anfang, damit bändelt man an”, beschreibt Jäkel. „Wir müssen mit den Gefangenen ja arbeiten, so entwickelt sich Nähe”, ringt er um eine Erklärung, warum es einigen Bediensteten schwerfällt, stets penibel nach Vorschrift zu arbeiten.

Nach den Zigaretten kommen vielleicht Handys, oder die Zusammenlegung mit Bekannten in eine große Zelle, sogar Schmuggel von Haschisch, Heroin oder Nazi-Devotionalien wie Flaggen ist schon vorgekommen. Der Knast als durchlässiges System. Die Basler Zeitung berichtete kürzlich über die Schweizer Strafanstalt in Lenzburg: „Drogen und Drogenschmuggel gibt’s in jedem Gefängnis der Welt, drogenfreie Gefängnisse sind eine Illusion”, zitiert das Blatt den Direktor der Anstalt Lenzburg, Marcel Ruf.

Doch es muss nicht immer aktiver Schmuggel sein. Manchmal reicht es schon, wenn die Bediensteten „nur” wegsehen. Vor rund zwei Jahren wurde der Fall der JVA in Plötzensee in Berlin bekannt. Ein Reporterteam der ARD deckte auf, dass Komplizen der Insassen nachts massenhaft Päckchen mit Mobiltelefonen, Haschisch und Anabolika über die Gefängnismauern warfen. Häftlinge fischten sich die Sendungen mit improvisierten Angeln in die Zellen. Und viele Angestellte sahen weg. Manche bezeichneten die Vorgänge sogar als „offenes Geheimnis”.

Es ist nicht immer das Geld oder erschlichene Sympathie, die die Bediensteten dazu drängt, ihre Vorschriften zu vergessen. Im Fall Plötzensee dürfte auch eine gute Portion Angst eine Rolle gespielt haben – manche Häftlinge hatten per Handy Angehörige von Bediensteten bedroht oder den JVA-Beschäftigten gleich vor Ort Druck gemacht. Der Kriminologe und ehemalige Justizminister von Niedersachsen, Prof. Christian Pfeiffer, führt die Kollaboration der JVA-Bediensteten mit den Häftlingen auf soziale Gründe zurück. „Geld spielt dabei keine Rolle”, befindet der Forscher, „auch nicht die nicht sehr gute Bezahlung; man wird schwach wegen der Kampfsituation. Nur ganz wenige profitieren von ihren illegalen Aktivitäten.”

Die Arbeit im Strafvollzug wird zu wenig geschätzt

Gemeint ist damit die Herausforderung an die JVA-Beschäftigten, mit der Aggressivität der Häftlinge umzugehen, mit der jeden Tag „lauernden Gefahr, dass einer durchdreht”, beschreibt Pfeiffer den Knast-Alltag. An der Tagesordnung seien „kleine Alltagswohltaten, das gehört zum Vollzug angesichts der Frust-Situation, die Teil der Strafe ist”. Durch Kooperation mit den Gefangenen versuchten JVA-Bedienstete,  sprichwörtlich Druck aus dem Kessel zu nehmen. Außerdem sei die Gefahr für die Bediensteten groß, an Burnout zu erkranken: „Durch zu viel Aggression und Missmut der Gefangenen und zu wenig Anerkennung”, so Pfeiffer. „Die Arbeit im Strafvollzug wird bundesweit zu wenig geschätzt, es ist einer der härtesten Jobs in Deutschland.”

Am Horizont sieht Pfeiffer aber das Licht der Hoffnung aufflackern: die Bürger werden im Schnitt älter. „Die Zahl der Gefangenen wird sinken, das führt zu einer Stabilisierung des Vollzuges, die Vergreisung der Republik fördert die innere Sicherheit.”

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Der Hunger in der Welt - 1200

Weshalb hungern so viele Menschen auf der Welt, obwohl es seit über 50 Jahren Entwicklungshilfe gibt?

Erschienen in der Westfälischen Rundschau am 4. Juli 2009

Obwohl die Industriestaaten seit rund 50 Jahren Entwicklungshilfe leisten, müssen mehr Menschen denn je in armen Ländern hungern, vor allem in Afrika. Laut den Vereinten Nationen haben zurzeit über eine Milliarde Menschen auf der Welt nicht genug zu essen – obwohl genug Nahrung da ist, wie Hilfsorganisationen betonen. Die Welthungerhilfe geht davon aus, dass täglich rund 24 000 Menschen weltweit des Hungers sterben. Missernten, Kriege, Fehlwirtschaft und Korruption gehören zwar zu den Ursachen des Hungers, doch der Westen muss sich den Vorwurf gefallen lassen, die Dritte Welt auszubeuten.

Denn die Nahrungsmittel auf unserem Planeten sind ungerecht verteilt. Während die Industriestaaten nur rund ein Fünftel der Weltbevölkerung stellen, verbraucht dieses Fünftel zirka zwei Drittel der Nahrungsmittel und 80 Prozent aller Rohstoffe. Da bleibt für arme Länder wenig übrig.

Überschüsse exportiert

Die Zahlen verdeutlichen: Der reiche Westen scheint nicht an wirtschaftlicher Gerechtigkeit auf dem ganzen Planeten interessiert, sonst könnte er seinen Lebensstandard nicht halten. So wirft die Welthungerhilfe den Industrieländern vor, Überschuss aus der eigenen Lebensmittelproduktion billig in die Dritte Welt zu exportieren – was die Märkte dort zerstört. Nach Informationen der Hilfsorganisation Oxfam subventionierten die USA im Jahr 2003 zum Beispiel ihre Reisernte, um sie rund einDrittel unter den  Produktionskosten auf den Weltmarkt zu bringen. So haben arme Länder keine Chance, mitzubieten. Wo sich nichts verdienen lässt, investiert oder arbeitet auch niemand – Felder liegen brach.

Keine Verschwörung – schlechte Absprachen

Es ist keine absichtliche Verschwörung des Westens, um die Dritte Welt am ausgestreckten Arm zu halten. Die Mitgliedsländer der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stecken jährlich rund 100 Milliarden Euro in die Entwicklungshilfe (Deutschland: 5,8 Milliarden Euro). Die Hilfe verpufft allerdings oft, weil die Länder sich untereinander nicht absprechen oder ihre Wirtschaftspolitik die Entwicklungshilfe untergräbt: „Das Hauptproblem liegt darin, dass sich die Politiker des Westens nicht absprechen”, sagt Stefan Leiderer, Ökonom am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik.

Ralf Dickerhoff, Sprecher der Welthungerhilfe, bemängelt die ungerechte Verteilung der Nahrungsmittel und gibt ein Beispiel dafür, wie der Westen die wirtschaftlichen Grundlagen der Dritten Welt angreift:  „Die EU kauft Mauretanien die Fischereirechte ab, aber das Geld kommt nie bei den Fischern an.” Das zerstört die Lebensgrundlage der Fischer in dem Land an der afrikanischen Westküste, die dazu beitragen, dass sich die Mauretanier selbst ernähren können. Ergebnis der wirtschaftlichen Übermacht des Westens: Den armen Ländern bleibt nur, Rohstoffe zu verkaufen und Waren des Westens zu importieren. Ein künstliches Abhängigkeitsverhältnis.

Kriege, Klima, Korruption

Doch der reiche Westenträgt nicht alleine Schuld. Kriege, dieKlimaveränderung, die Finanzkrise und Korruption sorgen für Misswirtschaft, manche Regierungen wirtschaften nur in die eigene Tasche oder in die ihrer Vertrauten. So wie in Simbabwe. „Das Land hat mal Überschüsse an Nahrungsmitteln produziert”, erinnert sich Stefan Leiderer, Ökonom des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik: „Dann wurden Farmer enteignet und das Land in die Hände von Robert Mugabes Vertrauten gegeben. Die haben aber oft wenig Ahnung von Landwirtschaft, so liegen die Äcker brach.”

Anderswo ist es der offene Krieg, in dessen Schlepptau der Hungertod folgt. Wie im Sudan. Seit Jahren bekämpfen sich dort Regierungstruppen und Rebellen. Bis Mitte 2005 haben Mord und Terror Millionen Menschen aus ihren Heimatdörfern vertrieben. Sie mussten ihre Felder und Viehherden verlassen und sind nun selbst auf Hilfe angewiesen, statt Nahrung zu produzieren. Ähnliches gilt im Kongo und in anderen Krisenregionen.

Schlechte Regierungen

Doch auch Gebiete, in denen Frieden herrscht, sind nicht frei von Hunger. Als Grund gibt die Welthungerhilfe „schlechte Regierungsführung und fehlende Demokratie” an. Gleichzeitig verschärfen sich die Spielregeln der internationalen Wirtschaft durch die Finanzkrise, der Klimawandel sorgt für schlechtere Ernten, betonen Hilfsorganisationen. Schlechte Aussichtenfür Afrika.

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